26. Juni 2020

Gesellschaftliche Folgen negativer Zinssätze

Die Konsequenzen der Null- und Negativzinspolitik gilt es stärker zu diskutieren. Neben den ökonomischen müssen aber unbedingt auch die gesellschaftlichen Folgen berücksichtigt werden, wiegen diese in der langen Frist doch oftmals noch schwerer.

Wer schon einmal in Japan war, der weiss: Japan ist speziell. Das Land pflegt viele komische Gewohnheiten. Die japanische Kultur ist schlichtweg eine andere, die im Westen kaum verstanden wird.

Doch nicht nur alteingesessene Traditionen sind uns Westlern fremd. Genauso verstörend wirken Gesellschaftsentwicklungen wie zunehmende Überarbeitung der Bevölkerung, parasitäre Singles, die sich abkapseln oder platonische Beziehungen, bei denen Japaner fürs Händchenhalten bezahlt werden – allesamt Erscheinungen, die der eigenartigen japanischen Kultur zuzurechnen sind, so die allgemeine Vorstellung.

Wenigen ist allerdings bewusst, dass diese Kuriositäten einen tieferliegenden Grund haben dürften und zwar einen ökonomischen: Null und Negativzinsen. Die Ökonomik derselben werden wir in einem bevorstehenden Webinar genauer unter die Lupe nehmen. Hier und heute soll es in diesem Artikel um die gesellschaftlichen Auswirkungen der Negativzinsen gehen.

Was man sieht und was man nicht sieht

Gemeinhin gilt: Japan stünde trotz ihrer jahrzehntelangen Nullzinspolitik noch immer ganz gut da. Dass sich dieses Bild bei genauerer Betrachtung etwas relativieren lässt, hat sich in unserem Webinar mit Professor Gunther Schnabl zur Japanisierung in Europa gezeigt.

Gewiss ist das Land der aufgehenden Sonne heute noch immer ein reiches Land. Wie allerdings schon der französische Ökonomen Frederic Bastiat wusste: Für eine Gesamtbewertung entscheidend ist nicht nur was man sieht, sondern auch was man nicht sieht. Die Frage ist also, wo würde Japan ohne die Nullzinsen heute stehen?

In der Tat hat Japan in den vergangenen Dekaden vor allem eines verloren: Wirtschaftskraft und Wirtschaftskultur. Dabei ging letztere weniger verloren, sie hat sich vielmehr stark gewandelt. In den 1960er- bis 1980er-Jahren holte Japan die westliche Welt wirtschaftlich auf. Das Wirtschaftswachstum dieser Zeit sollte als japanisches Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit in die Geschichtsbücher eingehen.

Während dieser Phase wurden insbesondere japanische Unternehmen immer mehr zu international gefürchteten Konkurrenten. Diese verstanden es Schlüsseltechnologien aus dem Ausland zu übernehmen, kontinuierlich zu verbessern und Schritt für Schritt internationale Marktanteile zu erobern.

Aufgrund dieser Arbeitsphilosophie des kontinuierlichen Verbesserns, japanisch als Kaizen bekannt, waren Konzerne wie Sony, Panasonic, Toyota oder Mitsubishi bald weltweit gefürchtet. Waren es zuvor die japanischen Firmen, welche den Westen kopierten, glaubte man im Westen schon bald die japanischen Unternehmen nachahmen zu müssen, angesichts der innovativen Schaffenskraft, welche diese Grossbetriebe an den Tag legten.

Japans Innovation im Rückschritt

Doch schliesslich kam es anders. Anfang der 1990er-Jahren steuerte man in Japan in der Zinspolitik immer stärker die Nullgrenze an. Drei Dekaden später steckt das Land noch immer in der Nullzinsfalle und der Zauber und die Innovationskraft japanischer Firmen hat arg nachgelassen. Im internationalen Vergleich können sie mit amerikanischen oder chinesischen Kontrahenten kaum noch mithalten oder zumindest werden sie nicht mehr so gefürchtet wie noch zu früheren Zeiten.

Verschiebung der Präferenzen 

Innovation hat ökonomisch letztlich viel mit Zeitpräferenz zu tun. Wirkliche Innovationen zahlen sich oftmals erst Jahre später aus, weshalb innovative Firmen einen langen Atmen haben müssen. Nullzinsen wirken der Innovationskraft deshalb entgegen, weil sie fast immer mit höheren Zeitpräferenz einhergehen. Dass japanische Unternehmen von der globalen Konkurrenz heute kaum mehr gefürchtet werden, dürfte, wenn auch nicht monokausal, zu einem grossen Teil an den schon lange andauernden Nullzinsen Japans hängen.

Man spricht heute gemeinhin von den verlorenen Dekaden, welche die japanischen Unternehmen zum Opfer gefallen sind. An der schwindenden Innovationskraft und Produktivität sind auch die Opportunitätskosten dieser Nullzinspolitik abzulesen. Kaum vorstellbar wo Japan heute stünde, wenn der japanischen Wirtschaft die Belastung durch Null- und Negativzinsen erspart geblieben wäre.

Stattdessen scheinen die «Innovationen» Japans heute in konsumnahen, skurrilen Bereich angesiedelt zu sein. Die platonischen Beziehungsmaschen sind dabei nur eine Erfindung. Vorreiter ist Japan heute auch bei Puppen, die vorwiegend japanischen Männern als Sexpuppen, aber auch Beziehungsersatz dienen. Ebenfalls ein «aufstrebender» Markt findet sich in Japan bei Mietung eines Ersatzvaters oder- freunds. Wer nicht allein ausgehen will, kann sich in Japan eine Begleitung mieten. Oder man mietet sich gleich eine ganze Familie, um bei der Abschlussfeier genügend Besucher vortäuschen zu können.

Solche «Marktangebote» sind letztlich Ausdruck der gegenwärtigen Marktlage und diese ist in Japan wegen der Nullzinsen seit Jahrzehnten auf Konsum und Kurzfristigkeit ausgelegt. Nur logisch, dass Unternehmer ihre Angebote entsprechend anpassen. Diese konsumnahe “Sogleich-Attitüde” widerspiegelt sich sodann auch in der grossen Anzahl Warenautomaten, die es in Japan gibt. Das Land hat heute die höchste Dichte dieser Geräte; auf 23 Menschen kommt ein solcher Warenautomat.

Die Gesellschaft leidet mit

Die Null- und Negativzinsen haben nicht nur die Innovationskraft der japanischen Unternehmen gelähmt, im gleichen Atemzug haben sie auch die arbeitende Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen. In Anlehnung an die verlorenen Dekaden spricht man auch in diesem Zusammenhang von Japans verlorener Generation.

Insbesondere jüngere Menschen sind am schwersten betroffen. Noch 1992 hatten 80 Prozent der jungen japanischen Arbeitnehmer einen regulären Arbeitsplatz. 2006 war die Hälfte aller jungen Erwerbstätigen in Teilzeitjobs tätig, deren Lohnniveau tiefer ist. Nur zwei Prozent der nicht regulär Beschäftigten gehen in Japan jedes Jahr zu einer regulären Arbeit über. Die meisten der heutigen jungen Arbeitskräfte werden wahrscheinlich nie einen regulären Arbeitsplatz mehr finden, so die Erwartung vieler. Haken ist der in Japan verwendete Begriff für diese Teilzeitarbeitsstellen.

Teilzeitbeschäftigung in Japan vs. G7

Nicht wenige junge Menschen haben sich deshalb ganz aus der Arbeitswelt abgekoppelt, ein unrühmlicher Trend, der in Japan unter einem anderen populären Begriff als Hikikomori

Während sich die einen Japaner also zurückziehen, arbeiten sich die anderen zu Tode. Nach Angaben der OECD schlafen japanische Arbeitnehmer mit durchschnittlich 442 Minuten pro 24 Stunden weniger als ihre Kollegen in anderen westlichen Volkswirtschaften. In den USA zum Beispiel liegt diese Durchschnittszahl bei 528 Minuten.

Ein trauriges Exempel statuiert hat die junge Japanerin Matsuri Takahashi, die sich mit 24 Jahren das Leben genommen hat und Monate vor ihrem Tod weit über 100 Stunden pro Woche gearbeitet hat. Sie wurde damit zum Gesicht dieses als Karoshi bekannten Phänomens.

Gehaltswachstum in Japan vs. G7

Hier im Westen stossen all diese Phänomene, allen voran Karoshi, berechtigterweise auf grosses Unverständnis. Dass man in Japan nicht mehr dagegen unternehmen würde, will und kann niemand so richtig verstehen. Doch letztlich vergisst diese Perspektive, dass diese Probleme eben die in diesem Artikel beschriebene, tiefere Wurzel haben.

Null- und Negativzinsen sind denn auch in Europa und bald auch in den USA Realität. Dass wir vor ähnlichen Entwicklungen wie Japan gefeit sein dürften, damit ist nicht zwingend zu rechnen. Im Westen zeigen sich gerade bei Millennials und jüngere Generationen erste «Resignationszeichen». Ein wachsender Anteil scheint unterbewusst zu merken, dass sie sich auf ein immer stärker stagnierendes Leben einstellen müssen. 

Die Wut und der Frust gilt dann entweder dem entbrannten Turbokapitalismus gegen den man in etlichen Demonstrationen zu Felde zieht. Oder aber man gibt sich verschiedenen neuen Spielarten des Nihilismus hin, wie zum Beispiel die vor ein paar Jahren populäre "Tide Pod Challenge". Diese bestand darin, Waschmittelpods zu verschlucken und forderte zumindest in den USA ein paar Todesopfer.

Wenn das keine warnenden Vorboten sind. Zum einen Japan, zum anderen die aufflammenden Ereignisse in Europa und der USA. Die Konsequenzen der Null- und Negativzinspolitik gilt es stärker zu diskutieren. Neben den ökonomischen müssen aber unbedingt auch die gesellschaftlichen Folgen berücksichtigt werden, wiegen diese in der langen Frist doch oftmals noch schwerer.

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