19. August 2020

Negativzinsen: Folgen für Mensch und Wirtschaft

Negativzinsen zementieren, ja belohnen Lernunfähigkeit und untergraben die nachhaltigen Grundlagen der Produktivität. Die Wirtschaft und Finanzmärkte werden immer stärker zu zombifizierten Konstrukten, in der Nachhaltigkeit zur eigentlichen Farce wird und der Sinn für einzelne Wirtschaftsteilnehmer schnell einmal verloren geht.

Unsere Welt leidet gegenwärtig unter akuter Schizophrenie. Banken forcieren wie verrückt das Impact und Sustainable Investing, Unternehmen ordnen ihre Produktionsstätten und Lieferketten dem Ziel der Nachhaltigkeit unter und immer weitere Teile unserer Gesellschaft entdecken den Ökologismus als sinnstiftendste politische Religion unserer Zeit.

Gleichzeitig – und darin offenbart sich das Ausmass der Schizophrenie – lässt unser gegenwärtiges Wirtschaftsgefüge allerdings schwerwiegende Anomalien erkennen, die jeglichem Nachhaltigkeitsbestreben diametral zuwiderlaufen. Allen voran die sich immer stärker in die Struktur der Wirtschaft hineinfressenden Negativzinsen stellen die Welt auf den Kopf.

In einer Welt der Negativzinsen verläuft der Zeitpfeil gerade verkehrt herum. Im Negativzins ist die Gegenwart wertvoller als die Zukunft, das Jetzt scheint erstrebenswerter als das Morgen. Die kalkulatorische Anziehungskraft der Vorsorge schwindet und mit ihr die Fürsorge für das Künftige. Ist jedoch der Blick immer weniger in die Zukunft gerichtet, verkommt die Gegenwart zu einem Treten an Ort und Stelle mit Rückwärtsdrall. 

Kontraproduktives Wirtschaften

Als konkrete Konsequenz befördern Negativzinsen einen grassierenden Konsumismus. Die gesellschaftliche Konsumneigung neigt zum Überhang. Konsumiert wird immer häufiger und immer mehr, auch weil der Konsumverzicht, das Sparen im eigentlichen Sinn, immer weniger lohnenswert ist. Die Zeitpräferenzen der Menschen sind völlig durcheinander gebracht und entsprächen kaum mehr den Zinsraten.

Klaffen Zeitpräferenz der Marktteilnehmer und Zinsen auf dem Markt auseinander, sind Fehlinvestitionen und Kapitalfehlallokation die logische Konsequenz. Insbesondere an den beiden Polen der wirtschaftlichen Kapitalstruktur sind die Übertreibungen am stärksten. Konsumnahe sowie konsumferne Bereiche florieren. Der zwischenzeitliche Hype der Fidget Spinner oder das Übermass an Friseursalons stehen beispielhaft für ersteren, der seit Jahren anhaltende Bauboom für letzteren Bereich.

Niedrige bis negative Zinsen lassen zuvor unrentable Investitionen und Projekt auf einmal rentabel erscheinen. Gleichzeitig führen fallende Zinsen dazu, dass sich spätere Investoren und Unternehmen zu «günstigeren» Zinskonditionen verschulden können. Das Resultat: Das Wirtschaftsgeschehen wird angeheizt.

Monetary Base umfasst das Basisgeld der Zentralbanken, während Monetary Aggregate M2 die von den Geschäftsbanken geschaffene Giralgeldmenge beschreibt.

Ein durch fallende Zinsen abgekurbelter Wettbewerb unter den Wirtschaftsakteuren setzt diesen immer stärker zu. Zum einen stehen sie in einem sich intensivierenden, die Margen drückenden Konkurrenzkampf. Zum anderen wirken Negativzinsen zugleich kapitalvernichtend, was in der Konsequenz deflationäre Tendenzen zeitigt. Gegen diese reale Kapitalvernichtung stemmen sich Zentralbanken, indem sie immer mehr Liquidität zur Verfügung stellen. 

Während die Zinsen durch anhaltende Liquiditätsschwemmen also weiter unter Druck geraten, werden Zombieunternehmen am Leben erhalten. Eigentlich unrentabel eingesetztes Kapital wird für solidere Unternehmen nicht freigesetzt. Es verbleibt in maroden Unternehmensstrukturen, die letztlich die Gesamtwirtschaft belasten. Der Wettbewerb wird über ein Mass verstärkt, das letztlich den Präferenzen der Marktteilnehmer entspricht. Wäre deren Souveränität nicht durch das billiges Geld der Negativzinspolitik hintertrieben, würden eben diese Ressourcen freigesetzt und Zombiefirmen ihrem eigentlichen Schicksal überlassen.

Vom risikolosen Zins zum zinslosen Risiko

Die Existenz von Zombieunternehmen tangiert letztlich auch die Arbeitsmoral von Arbeitnehmern innerhalb einer Wirtschaft. Dies dürfte gerade im Umfeld zombifizierter Wirtschaftsstrukturen abnehmen. So gebiert ein wachsender Anteil von Zombiefirmen immer mehr sogenannte Bullshit-Jobs. Diesen Jobs fehlt der Sinn, da sie in ihrer Existenz nicht mehr an den Präferenzen und Wünschen der Nachfrager aus dem Markt ausgerichtet sind, sondern nur noch aufgrund von Liquiditätsspritzen, Niedrigzinsen oder wirtschaftspolitischen Transferzahlungen existieren.

Auch die Reallöhne der Arbeitnehmer sind in einem Negativzinsumfeld der kontinuierlichen Entwertung ausgesetzt. Insbesondere die Inflation der Vermögenspreise und die damit fallende Yield Purchasing Power fällt über Jahre gesehen stärker ins Gewicht, als viele in einer Momentaufnahme ahnen würden. 

Angesichts dieser Verzerrungen scheinen dem einzelnen Wirtschaftsakteur die wirtschaftliche Abläufe schnell einmal über den Kopf zu wachsen. Da sein Entscheidungs- und Abstimmungsvermögen durch immer mehr billige Liquidität hintertrieben wird, macht sich unter den Wirtschaftsakteuren, insbesondere dann, wenn sie sich als Verlierer sehen, Ohnmacht und Frust breit. Die Wirtschaft verarmt seelisch, was sich konkret in Humankapitalkonsum in Form von Burnouts bemerkbar macht. 

Doch sind Arbeitnehmer nicht die einzigen, denen Negativzinsen das Leben erschweren. Selbst die Arbeit des Unternehmers und Investors wird bei Negativzinsen immer schwieriger und beschwerlicher. Das so wichtige Instrument zur Abdiskontierung von erwarteten zukünftigen Investitionserträgen ist gänzlich ad absurdum geführt. Ist der Zins negativ, gehen die Barwerte ins Unendliche und vernünftige Diskontierung wird unmöglich. Unternehmer und Investoren tappen in ihrer intertemporalen Planung im Dunkeln. Sie begehen Fehler, die ihnen sonst weniger unterlaufen würden.

Vermögenswerte und Güter aller Art sind falsch bepreist und werden in Abständen irgendwann wieder durch den Markt zwangsläufig richtig bepreist werden. Das impliziert schockartige Volatilität. Leidtragende sind nicht nur sie selbst, sondern wiederum die Gesellschaft als Ganzes. 

Negativzinsen trüben letztlich auch die Hoffnung, auf grundlegende Strukturanpassungen. Sie zementieren, ja belohnen Lernunfähigkeit und untergraben die nachhaltigen Grundlagen der Produktivität. Die Wirtschaft und Finanzmärkte werden immer stärker zu zombifizierten Konstrukten, in der Nachhaltigkeit zur eigentlichen Farce wird und der Sinn für einzelne Wirtschaftsteilnehmer schnell einmal verloren geht. Die monetären und die dadurch verursachten wirtschaftlichen Verzerrungen gehen vor allem zu Lasten der menschlichen mentalen Zustände.


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