30. April 2020

Fed Vorsitzender Powell: “We’re going places.”

Die US-Notenbank hält sich weiterhin bereit, die Märkte zu stabilisieren. Betrachtet man die fundamentalen Indikatoren, so kann dieser Ansatz helfen, aber auch eine Illusion von Stabilität erzeugen, die irgendwann nach hinten losgehen könnte.

Besorgt hat sich der Vorsitzende der US-Notenbank, Jerome Powell, darüber geäussert, dass die Coronakrise bleibende Schäden in der US-Wirtschaft hinterlassen könnte. Er appellierte an die Politiker aller Couleur mehr zu tun, um den Schaden möglichst zu begrenzen. 

Powell seinerseits hält weiterhin daran fest, alle Register zu zücken. Er spricht sogar von “We’re going places” und beschreibt so das Fed, welches in beispiellosem Ausmass in den Markt eingreift. Die heutige Entscheidung die Zinsen nahe null zu belassen überrascht somit kaum. Powell’s Befürchtungen zufolge, sei der wirtschaftliche Kampf gegen den Virus noch lange nicht beendet, selbst wenn im dritten Quartal eine Erholung von der tiefsten Rezession seit der Grossen Depression einsetzten könnte.

Im Gegensatz zu vorherigen Fed-Sitzungen seit Anfang März lieferte diese neueste FOMC-Sitzung keine bahnbrechenden Schlagzeilen. Über die vergangenen sechs Wochen waren die politischen Entscheidungsträger hauptsächlich mit der Ausführung der früher angekündigten Massnahmen beschäftigt.

Als Reaktion auf den im März verabschiedeten Rettungsplan in der Höhe von 2.3 Billionen Dollar hat die US-Notenbank das Tempo beim Ankauf von Wertpapiere gedrosselt. Während seit dem 19. März regelmässig Wertpapiere im Wert von 75 Milliarden Dollar aufgekauft worden sind, sieht der derzeitige Wochenplan nur noch 10 Milliarden Dollar vor. Aus Sicht des Fed scheinen sich die Märkte so weit erholt haben, dass Unterstützungsmassnahmen nicht mehr im selben Ausmass notwendig sind.

Stabilisierung auf Pump

War der März noch von extremer Volatilität geprägt, hat die Kombination aus geldpolitischen Massnahmen der Fed und dem "All-in"-Fiskalpaket der Regierung zur Unterstützung der Wirtschaft zumindest zur Wiederherstellung von Stabilität, oder zumindest einem Gefühl davon, beigetragen.

Ein wichtiges und genau zu beobachtendes Barometer, das gewissermassen die Nervosität im Markt misst, sind Kreditaufschläge (credit spreads) für Investment-Grade- und Junk-Anleihen. Ein höheres Renditeniveau im Vergleich zu Staatsanleihen bedeutet ein grösseres Ausfallrisiko. Aus der untenstehenden Grafik, geht hervor, dass die Renditen seit ihrem Höchststand im März tendenziell gesunken sind, was einen stabilisierenden Ausblick bekräftigt. Grund für die Stabilisierung dieses Indikators dürften auch hier die geldpolitischen Massnahmen der US-Notenbank gewesen sein, welche Direktkäufe von Unternehmensanleihen vorgenommen hat.

In Anbetracht dieser Marktindikatoren stellt sich die Frage: Haben wir das Schlimmste hinter uns? Ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen, erschleicht uns schon das Gefühl, dass uns die gegenwärtige stabilisierende Situation auf den Kreditmärkten und an den Aktienmärkten ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln. Die geldpolitischen Massnahmen des Fed haben dazu beigetragen, alle finanziellen Vermögenswerte, die sich von den Fundamentaldaten abgekoppelt haben, künstlich zu stützen. Gleichzeitig sind die Zukunftsaussichten für Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinne heute schlechter als in den vergangenen zehn Jahren.

Geldpolitik kann nicht alles

Die US-Notenbank hat, anders als andere Zentralbanken, ein Doppelmandat. Das Fördern von Vollbeschäftigung und stabilen Preisen. Die Realität ist aber: Keine finanzpolitische Massnahme der Welt kann die Konsequenzen einer anhaltenden Pandemie mit ihren logistischen Herausforderungen voll und ganz abfedern. Unternehmen, die früher mit einer bestimmten Anzahl von Mitarbeitern arbeiteten, könnten nun feststellen, dass sie zur effizienten Arbeitsverrichtung eine geringere Anzahl Arbeitskräfte benötigen. Höhere strukturelle Arbeitslosigkeit ist eines der Hauptrisiken für Wirtschaft und Markt. Noch sind die mittelfristigen Auswirkungen auf Erwerbstätigkeit schwer abzuschätzen. Gleichwohl ist zu erwarten, dass höhere Arbeitslosigkeit zu einem Problem werden dürfte.

Sind die Investoren derzeit auf der Suche nach einem Vorwand, die Bären-Rally zu beenden, könnten sie mit der gestrigen Pressekonferenz fündig geworden sein. Während Powells Amtszeit als Vorsitzender der US-Notenbank sind die Pressekonferenzen zum wichtigen Dreh- und Angelpunkte für die Finanzmärkte geworden. Wir gehen davon aus, dass die Märkte von hier nochmal drehen dürften.


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