15. Mai 2020

Deflation und Inflation - alles auf einmal

In den vergangenen Wochen haben beispiellose geld- und fiskalpolitische Massnahmen von Zentralbanken und Regierungen (vorerst) zur Wiederherstellung der Ordnung in den entwickelten Finanzmärkten gesorgt. Doch werden alle diese Massnahmen ein Nachspiel haben? Führen sie gar zu einer galoppierenden Inflation in naher Zukunft?

Lyn Alden legt in ihrem Artikel sehr detailliert dar, dass eine Inflation dann wahrscheinlich ist, wenn es die Stimulusbeiträge sowie die durch Quantitative Easing geschaffene Liquidität in die breite Öffentlichkeit schaffen. Darüber hinaus müssten es die Bürger aus der Quasi-Quarantäne schaffen, um die Gelder auszugeben. Zudem weist sie auf die Gefahr hin, wonach Lieferketten und grössere Infrastrukturprojekte in einer Zeit möglicher Deglobalisierung unterbrochen werden könnten und dies eine strukturelle Inflation zur Folge haben könnte.

Lyn’s Analyse strotzt vor Tiefgang, was uns sehr beeindruckt. Die von ihr genannten Punkte sehen wir definitiv auch. Doch sehen wir die Deflation im Moment als Hauptrisiko.

-Die Ölpreise sind zusammengebrochen. Diesel und Benzin machen 3,5 Prozent des Waren- und Dienstleistungskorbes aus. Nach der Stilllegung eines bedeutenden Teiles der Wirtschaft werden niedrige Preise für Öl – und für Rohstoffe im Allgemeinen – die Verbraucherpreisinflation zumindest im nächsten Jahr sehr niedrig halten.


U.S. Ölpreis bricht auf den niedrigsten Stand seit 1999 ein


-In den Daten lässt sich bereits jetzt einen Rückgang der Warenpreise herauslesen. Niedrigere Kosten für Produzenten werden zu niedrigeren Warenpreisen führen. Viele Unternehmen gewähren starke Preisnachlässe, um Lagerbestände zu verkaufen und Barmittel zur Deckung ihrer laufenden Kosten aufzubringen.

-Und schliesslich sind in den letzten sechs Wochen Millionen von Arbeitsplätzen verloren gegangen. Die Lohndisinflation gibt Anlass zur Sorge. So gibt es bereits anekdotische Hinweise darauf, dass Unternehmen, ihre Kosten durch Lohnsenkungen zu senken versuchen. Niedrigere Löhne bedeuten niedrigere Produktionspreise und letztlich niedrigere Einzelhandelspreise.


Anstieg der Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung in den USA

Gemäss Lyn Alden gibt es strukturelle Gründe, die in der langen Frist zu einem Anstieg der Inflationsrate führen werden. Die Zentralbanken haben einen enormen Teil der Staatsverschuldung der Länder monetarisiert und angesichts der bereits angekündigten starken Ausweitung staatlicher Ausgabenprogramme werden sie auf absehbare Zeit weiterhin Geld drucken müssen. Dieses Geld wird den Weg in Vermögenswerte finden und entsprechend die Preise hochtreiben. Die Vermögenspreisinflation der letzten Jahre wird so ihren Fortgang finden. Die Verbraucherpreise können durch diese Liquidität durchaus auch angetrieben werden, jedoch nur in gewissen Gütern. Güter des täglichen Gebrauchs (wie vom CPI gemessen) werden kaum davon betroffen sein. Es handelt sich eher um Güter, welche weiter oben in der Maslow Pyramide zu finden sind. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir einen Inflationsdruck durch höhere Vermögenspreise sehen werden. Güter des täglichen Gebrauchs und damit die gemessene Kerninflation dürften kaum betroffen sein. Vielmehr werden wir dort, vor allem auf kurze Frist, eher eine Deflation feststellen.

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