9. März 2020

Die Zukunft des Geldes: Wertloses Geld versus reale Werte

Während konventionelles Geld in Zukunft immer wie wertloser werden dürfte, könnte allerlei geldlosen Werten eine glorreiche Zeit bevorstehen. Bitcoin und die Tokenisierung dürften beide Trends vorantreiben.

Eine nächste Finanzkrise ist denn auch ein gutes Stichwort. So scheint es immer mehr zum Volkssport zu werden, die nächste grosse Krise herbeizureden. Pessimistische Voten von Crashpropheten sind heute im Mainstream angekommen.

Ein nüchterner, wenn auch etwas vereinfachender Blick auf die heutige Situation an den Finanzmärkten lässt einen verstehen, weshalb kritische Stimmen immer stärker an Gehör finden. Geschäftsbanken sind permanent auf neue Reserven in Form von Liquiditätsspritzen durch Zentralbanken angewiesen. Negativzinsen bei Finanzprodukten häufen sich und breiten sich über das Finanzwesen aus. Die globale Überschuldung gemessen am weltweiten Bruttoinlandsprodukt erzielt auch immer neue Höchststände. Eine zunehmende Anzahl Menschen – auch Finanzexperten – fragt sich deshalb: Quo vadis Finanzsystem?

Eine an Popularität gewinnende Ansicht ist jene, Staatsschulden, die am Ursprung der ganzen Finanzmarktverschuldung stehen dürften, für irrelevant zu erklären. In dieses Horn blasen insbesondere Vertreter der «Modern Monetary Theory» oder MMT. Diese überhaupt nicht moderne, sondern eigentlich schon sehr alte Theorie hält es für gegeben, dass der Staat keine Gläubiger braucht, da er sich beliebig Mittel in der eigenen Währung schaffen könne. Als monetärer Souverän sei der Staat deswegen auch nicht darauf angewiesen, auf dem Markt Kredit in der Form von Staatsanleihen aufzunehmen. Das Geld solle er sich über die ihm einverleibte Zentralbank gleich selbst schöpfen. 

Einen besonnen Polit-Beobachter scheint es kaum zu verwundern, dass MMT politischen Zuwachs erfährt. Vor allem zwei Gründe sprechen dafür: MMT entspricht einem Blankoscheck für allerlei politische Projekte wie «Arbeitsplätze», «Bildung» oder «Klimaschutz». Finanziellen Mitteln für politische «Notwendigkeiten» können heute immer weniger Menschen widerstehen, immerhin soll damit doch letztlich die Gesellschaft bereichert werden.

Der andere Grund ergibt sich vor allem aus einem Gerechtigkeitsargument. Heute würden sich vor allem Banker und Finanzpiraten an der Finanzierung des Staates bereichern, so der Tenor. Die ungleich langen Spiesse bei Finanzgeschäften würden einige wenige immer reicher machen und das auf Kosten der Masse. Dass MMT den ganzen Finanzzirkus rundum Zinsen und Staatsanleihen beendigen will, indem sie den Geschäftsbanken die Möglichkeit zur Geldschöpfung entreisst, stösst daher auf Anklang. 

Würde die MMT gemäss ihren Befürwortern umgesetzt, würde Fiatgeld seinem eigentlichen Namen nach endlich alle Ehre machen und sein, wofür es heute schon gehalten wird: reines Zeichengeld. Als solches wäre es dann tatsächlich noch mehr von Vertrauen abhängiges Geld, als es heute schon ist. In Zeiten der viralen Meme und Narrative, in der Vertrauen schnell kippen kann, ist das eigentlich kein gutes Omen.

Inflation: Konstante der Menschheitsgeschichte

Ob es so weit kommen wird, kann wiederum bloss die Zeit zeigen. Sicher ist, dass die Staaten einen Weg aus der Verschuldung finden müssen und wenn es «bloss» die altbekannte Weginflationierung des Schuldenbergs sein wird. In einem «Race to the bottom», einem allgemeinen Entwertungskampf, dürften sich Zentralbanken dann gegenseitig darin duellieren, wer seine nationale Währung am wenigsten schnell entwertet. Frei nach dem Motto: Unter den Blinden ist der Einäugige König. Am Ende jedoch verlieren wir alle.

Wenn auch Inflation einer Währung eines der komplexesten, nichtlinearen Phänomene der Ökonomik ist und oftmals zu schwarz-weiss dargestellt wird, dürfte sich bei kontinuierlicher Geldschöpfung durch Zentralbanken folgender Eindruck in den Köpfen der Menschen verfestigen: Fiatgeld ist zwar preisstabil, dafür immer wie wertloser. Als Folge dürfte die Flucht in die Realwerte anhalten. Aktien von Apple oder Amazon sowie Immobilien widerfährt heute schon eine monetäre Nachfrage. Anleger entdecken die Geldigkeit dieser Anlagen - im Fall von Apple- oder Amazon-Aktien insbesondere deren hohe Liquidität - und verwenden sie dazu, ihr Kapital zu parkieren. Das treibt die Preise dieser Anlagegüter weiter in die Höhe. Als Sachwerte stellen sie gewissermassen das Gegenteil von Zeichengeld dar. Die Beliebtheit der Sachwerte könnte in den kommenden Jahren demnach zunehmen, vor allem dann, wenn sich Fiatgelder im Zuge MMT-Umgestaltung zu tatsächlichen Zeichengeldern wandeln.

Digitale Konventionalgelder

Wenn die nationalen Währungen - oft als Folge von wirtschaftlichen Umwälzungen - an Kaufkraft verlieren, gewinnen Tauschkreise und regionale Gelder an Bedeutung. Dank der BlockchainTechnologie könnten diese Arten von Sozialgeldern in den digitalen Gemeinschaften an Bedeutung gewinnen. Ähnlich wie Gleichgesinnte im Bereich der digitalen Kommunikation bereits in Filterblasen zusammenfinden, könnte digitales Konventionalgelder auf a Blockchaindie Basis für bestimmte gegenseitige Tauschkreise werden. 

Tauschkreise und Konventionalgelder haben ihre ökonomischen Grenzen, diese dürften auch mit technologischem Fortschritt nicht gänzlich überwunden werden. Gleichwohl ist realistisch, dass solche als Nische vermehrt zu beobachten sein werden. Immerhin zeigt die digitale Welt denn auch, dass sich der Long Tail effektiv und gewinnbringend bewirtschaften lässt. In der Welt des digitalen Kryptogeldes dürfte das nicht anders sein. 

Breitflächige Tauschkreise sind auch immer an der ökonomischen Realität, das heisst an der Ineffizienz des Tauschhandels mit wenig absatzfähigen Gütern oder auch Geldern gescheitert. Während etliche physische Friktionspunkte gewöhnlichen Tauschhandels durch digitale Tokengelder wegfallen, bleibt doch die Herausforderung, Absatzfähigkeit und damit Liquidität zu erlangen. Geld ist eben per Definition das absatzfähigste Gut. 

Mit der fortschreitenden Technologisierung stellen sich Ökonomen denn auch tatsächlich die Frage: Könnten technologische Entwicklungen Geld im alltäglichen Gebrauch gar überflüssig machen? Computer werden nicht nur immer schneller, sie können auch immer besser miteinander kommunizieren. Elektronischer Hochfrequenz-Transfer schafft die Voraussetzungen dafür, dass nicht Geld, sondern Aktien und Anteile anderer Formen marktgängiger Vermögenswerte vom Käufer auf den Verkäufer übertragen werden. Auf diese Weise kann vermieden werden, Teile des Vermögens in Geld zu halten, das keinerlei Zinsen abwirft oder noch schlimmer kontinuierlich entwertet wird.

Einer der Schlüssel zu einer solchen Entwicklung ist letztlich die Fähigkeit von Computern, in Echtzeit zu kommunizieren, um eine sofortige Überprüfung der Kreditwürdigkeit des jeweiligen Käufers und Verkäufers zu ermöglichen, so dass eine Abwicklung mit Endgültigkeit erfolgen kann.

Uberisierung des Welthandels

Ein anderes Schlüsselelement könnte die Tokenisierung aller Arten physischer Sachgüter und deren Ablegung auf der Blockchain sein. Als solche macht diese die Güter zumindest technisch leichter handelbar. Sind die Vermögenswerte auf derselben Blockchain tokenisiert, ist die Standardisierung ebenfalls gegeben.

Mögliche Märkte für den Tausch tokenisierter Güter würden zudem durch künstliche Intelligenz befördert. So lassen sich unter Einbezug künstlicher Intelligenz grosse Datensätze viel schneller analysieren. Endnutzer hätten dabei kaum Kosten, das unendliche Universum tokenisierter Güter nach vorteilhaften Tauschgeschäften zu durchsuchen.

Tokenisierte Vermögenswerte könnten zu aus vielen verschiedenen Handelspaaren bestehenden Tauschketten zusammengefasst werden. Ist jedes einzelne Tauschpaar eine atomische Transaktion – was bei der Abwicklung über Blockchain-Protokolle der Fall sein dürfte – ergeben Tauschreihen einen Sinn. In diesem Fall laufen Transaktionen automatisch ab. Anders bei sogenannten Zug-um-Zug-Geschäften, wo stets das Risiko besteht, dass eine Reihe plötzlich abbricht.In letzter Konsequenz würde dadurch das seit Urzeiten bekannte Bartergeschäft seine Ineffizienz verlieren. Waren könnten über sogenannte «Location swaps» transportiert werden, ohne dass sie tatsächlich bewegt werden müssten – es würden lediglich Ansprüche auf einen entsprechenden Vermögenswert getauscht. Auf diese Weise wird mehr mit weniger erreicht. Diese Entwicklung ist letztlich wiederum eine Reaktion auf die im ersten Teil erwähnte Ineffizienz, welche durch die gegenwärtige Existenz verschiedener staatlicher Währungen für den globalen Handel geschaffen worden ist.

Als Folge könnte als die Uberisierung des internationalen Handels eintreten: So wie Uber keine Autos besitzen muss, um Menschen zu transportieren, ermöglicht das geschickte Tokenisieren von Vermögenswerten den Transport von Aktien, aber auch realen Sachgütern, ohne sie physisch zu bewegen. Unternehmen über Ländergrenzen hinweg tauschen lediglich tokenisierte Ansprüche unterschiedlicher Güter. Die Nachfrage nach Devisen in Fremdwährungen würde dadurch abnehmen.

Würden wir uns also jemals in eine Welt bewegen, in der wir Sachen kaufen und verkaufen, indem wir Vermögenswerte im Zuge eines digitalen, hocheffizienten Bartergeschäft tauschen, würde Geld in seiner Funktion als indirektes Tauschmittel zurückgedrängt. Auf die Geldpolitik heutiger Zentralbanken hätte das signifikante Auswirkungen. Der Funktion von Geld als Recheneinheit dürfte das kaum Abbruch tun, müssten auch Sachwerte jeglicher Art bepreist werden. Genauso wenig dürfte die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes entfallen, insbesondere dann nicht, wenn sich das Geld aufgrund seiner Eigenschaften zu horten lohnt. 

Wie also sieht die Zukunft aus?

In dieser vierteiligen Artikelserie haben wir zuerst die Vergangenheit beleuchtet, um Dynamiken der Gegenwart zu erfassen, die sich künftig fortsetzen dürften. Ausschlaggebend war die Kappung des Goldankers 1971 – das definitive Ende des Goldstandards bedeutete zugleich der Anfang des Fiatgeldstandards.

Damit wurde ein Abwertungskampf der nationalen Währungen losgetreten. Nationale Währungen wurden verstärkt zum Spielball wirtschaftspolitischer und gesellschaftspolitischer Kraftmeiereien. Die Finanz- und darauffolgende Staatsschuldenkrise erschütterte die weltweite Finanzordnung – Politiker, Funktionäre und Technokraten einigten sich in der Folge darauf, die interventionistische Stellschrauben anzuziehen. Das Resultat: mehr billiges Fiatgeld und stärkere finanzielle Repression.

Mit der Finanzkrise erblickte zugleich auch Bitcoin das Licht dieser Welt. Eine neue Ära des privaten Geldwettbewerbs wurde eingeleitet. Als Meta-Idee hat sich Bitcoin innert nur einer Dekade fortgepflanzt und vielerorts die Debatte über Geld, dessen Wesen und dessen Stellung in der Gesellschaft neu angestossen. Private Konzerne, Konsortien sowie Zentralbanken haben diesen Ball aufgenommen und tüfteln heute an ihren eigenen neuen Digitalwährungen.

Sicher ist: Zentralwährungshüter werden ihr Geldmonopol nicht kampflos aufgeben. Doch dürfte der Wettstreit mit privaten Konzernwährungen oder dezentralen Kryptowährungen nur noch akzentuieren. Der Wettstreit um das bessere Geld ist definitiv lanciert. Wer sich durchsetzen wird, ist aktuell schwierig abzuschätzen. Sinnvoll ist es daher, stets einen offenen Geist zu pflegen, neue Entwicklung aufmerksam zu verfolgen und die eigenen Werte über die verschiedenen Optionen bestmöglich zu streuen. Nur so verhindert man den persönlichen monetären Super-GAU.


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