3. März 2020

Die Zukunft des Geldes: Verschiedene Arten von Basisgeldern

Eine vierteilige Serie über die Zukunft des Geldes. Im dritten Teil liegt der Fokus auf den verschiedenen Basisgeldern der Zukunft: Nationale Währungen, Gold, Bitcoin und andere Kryptoassets.

Mit der Entwicklung der Technologie hat sich die Palette möglicher «Geld-Konzeptionen» für Basisgelder erweitert. Grob lassen sich vier verschiedene Konzepte unterscheiden:

  • Politisch, rechtlich orchestriertes Geld in der Form nationaler Währungen

  • Durch die Natur im Angebot beschränktes Geld in der Form von Gold

  • Im Angebot algorithmisch absolut beschränktes, disinflationäres Geld in der Form von Bitcoin

  • Algorithmisches Geld mit konstanter Inflation in der Form eines Kryptoassets 

Wegen seines disinflationären Charakters und seiner absoluten Angebotsbeschränkung wird Bitcoin gerne als Gegenspieler zu nationalen Währungen angesehen, da diese gegenwärtig einer institutionalisierten Geldschöpfung unterliegen. Gemäss Narrativ ist es der Gegensatz zwischen deflationärem (eigentlich disinflationärem) und inflationärem Geld.

Diese Gegenüberstellung greift jedoch zu kurz. Je nach ideologischem Zugehörigkeitsgefühl wird entweder das eine oder das andere verteufelt. In der Tat dürften beide «Geld-Konzeptionen» ihre inhärenten Nachteile haben. So hat ein inflationäres Geld Verteilungs- und Verzerrungseffekte, die desto gravierender und ungerechter ausfallen können, je stärker die Institution «Geld» und deren Strukturen politisiert sind. Disinflationäres Geld hingegen reagiert kaum auf Nachfrageschocks, weshalb dessen natürliche Volatilität im Durchschnitt höher ausfällt. Im Falle von Bitcoin stellt sich zudem die Frage, ob seine Eignung als monetärer Hort, seine disinflationäre Angebotskurve sowie ein durch den freien Markt zur Verfügung gestelltes Sicherheitsbudget in Form von Transaktionsgebühren für die Miner zur Aufrechterhaltung des Blockchain-Netzwerkes nicht im Widerspruch stehen? 

Auch das ist eine Frage, die letztlich nur die Zukunft beantworten kann. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass Geld in einer nicht perfekten Welt wie der unsrigen, eine gewisse Inflationierung bedingt. In einem solchen Fall wäre Geld, das einer immer gleichbleibenden (weil algorithmisch festgelegt), berechenbaren Inflation unterliegt, dann wohl «as good as it gets» und für einige eine bittere Pille, die es zu schlucken gälte. Natürlich unterläge auch dieses Geld Verteilungs- und Verzerrungseffekten, wie dem Cantillon-Effekt. Würde die Einflussnahme aufgrund der Reduktion des menschlichen Elements und des Spielraums für Günstlingswirtschaft minimiert, wäre diese Art der Inflation wohl als gerechter einzustufen, da sie algorithmisch und nicht politisch gesteuert ist.

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei den obigen «Geld-Konzeptionen» um sogenannte Basisgelder. Geld ist immer mehrschichtig zu verstehen. Obschon nationale Währungen wie Dollar, Schweizer Franken, aber auch Gold oder Bitcoin als alltägliches Tauschmittel verwendet werden können, taugen sie dazu in ihrer reinsten Form als Basisgeld gegenwärtig immer schlechter. Gold tut das am wenigsten gut, ist das Edelmetall doch schlichtweg zu unhandlich und unbeweglich. Aber auch der digitale Bitcoin auf Mainchain-Ebene eignet sich aufgrund steigender Transaktionsgebühren bei vermehrter Nutzung nicht sonderlich. Am brauchbarsten sind noch nationalen Währungen. Doch selbst diese werden heute immer mehr über eine höhere Abstraktionsebene verwendet, zum Beispiel via Kreditkarte oder in Form von Bankeinlagen als Buchgeld – und eben nicht als Bargeld, das Basisgeld darstellt.

Bei Bitcoin könnte eine solch höhere Ebene das Lighting Network darstellen. Dabei werden Bitcoin-Surrogate in Form von Bitcoin-Lightning-Einheiten off-chain, das heisst, nicht über die Blockchain ausgetauscht. Diese Off-Chain-Transaktionen können jedoch jederzeit auf die Blockchain geschrieben werden, um so die Lightning-Bitcoin-Surrogate mit Bezugnahme auf die in der Bitcoin-Blockchain abgebildeten Besitzverhältnisse zu verrechnen. In diesem Sinne ist das Bitcoin-Lightning-Netzwerk mit dem Visa- oder Mastercard-Zahlungssystem zu vergleichen.

Stabilität ist gefragt

Technisch dürfte das Lightning-Netzwerk Bitcoin als geeignetes Zahlungsmittel fit machen und somit die Ursprungsidee aus dem Bitcoin-Whitepaper von Satoshi Nakamoto eher Realität werden lassen. Technisch ermöglicht dieser Zusatz-Layer schnellere, günstigere Bitcoin-Transaktionen. Das Internet soll damit endlich ein eigenes Geld erhalten. Ökonomisch allerdings bleiben Fragezeichen, ob sich der Bitcoin jemals als geeignetes, allgemein akzeptiertes preisstabiles Tauschmittel etablieren kann. Aufgrund seiner Angebotsbeschränkung scheint Preisstabilität kaum jemals garantiert, da gewisse Volatilität stets eine Folge von unerwarteten Nachfrageschocks sein kann.

In diese Bresche versuchen sogenannte Stablecoins zu springen. Das bereits genannte Libra-Projekt schlägt in diese Kerbe. Viele andere findige Unternehmen sind derzeit ebenfalls dabei, den Heiligen Gral preisstabiler privater Währungen zu finden. Interessant sind dabei vor allem Stablecoins, die in möglichst dezentraler Manier durch andere Kryptoassets gesichert – das heisst überbesichert – sind. Beispiele hierfür sind MakerDao auf Ethereum und Money On Chain, ein ähnliches auf Bitcoin geplantes Projekt. Daneben gibt es andere Versuche der Imitation einer dezentralen Zentralbank, die ohne Besicherung, wohl aber durch eine ausgeklügelte algorithmische Geldpolitik Preisstabilität erzwingen wollen.

Die prominentesten Stablecoins zurzeit sind jene, die ganz konventionell an eine nationale Währung gebunden und durch diese gedeckt sind. Tether, USD Coin, Paxos Standard oder TrueUSD sind die bekanntesten und die meisten operieren aus den USA heraus. Auch aus der Schweiz kommen Stablecoins, allen voran der XCHF emittiert durch die Bitcoin Suisse AG.

Stablecoins erlauben zurzeit vor allem, was als erlaubte Pseudonymität beschrieben werden kann. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Unternehmen aus China, Russland oder auch Brasilien Stablecoins nutzen, um Kapitalverkehrskontrollen zu umgehen. Die G20 jedenfalls sieht bei Stablecoins klare Risiken: Geldwäscherei, Finanzierung von Kriminalität sowie Verletzung von Anleger- und Verbraucherrechten. In der EU bereitet man sich derzeit scheinbar auf eine Regulierung vor, um stärker gegen Stablecoins vorzugehen, die den Euro abbilden.

Während die Regulatoren Stablecoins künftig also etwas härter angehen dürften, scheinen Zentralbanken ein beobachtendes Auge auf diese Entwicklung zu werfen. Gemäss ihres Mandates und Wesens halten sie sich gedeckt und geben wenig über ihre eigenen Vorhaben preis. So wird vor allem spekuliert, dass erste Zentralbanken als bald ihre eigenen «Central Bank Digital Currencies», kurz CBDC, lancieren werden. 

Für Kryptoassets wie Bitcoin sind diese keine direkte Konkurrenz, operieren beide doch von entgegengesetzten Prämissen aus. Wenig überzeugend erscheint in kurzer Frist auch die Vermutung, wonach direkt durch Zentralbanken emittierte CBDCs als Retail-Produkt für Bürger Relevanz haben werden. Würden Zentralbanken ihre digitale Währung direkt an den Endnutzer bringen, ohne dabei über Geschäftsbanken zu gehen, würden sie damit das aktuelle Finanz- und Bankensystem auf den Kopf stellen. Wenn dann dürften Geschäftsbanken basierend auf einer CBDC Geldsurrogate in den Umlauf bringen – genauso wie bis anhin würde so das Risikomanagement der Geldschöpfung weiterhin an Private ausgelagert sein.

Welchen Weg Zentralbanken tatsächlich beschreiten werden, steht derzeit noch in den Sternen. Einige Spekulationen gehen dahin, dass Zentralbanken eine nächste grössere Krise abwarten, um dann notleidende Geschäftsbanken bankrott gehen zu lassen und deren Kunden ihren alten Kontobetrag in der neuen digitalen Zentralbankwährung gutzuschreiben. Dann allerdings wäre ein Vollgeld-System Tatsache.


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