28. Februar 2020

Die Zukunft des Geldes: Privater Geldwettbewerb

Eine vierteilige Serie über die Zukunft des Geldes. Im zweiten Teil liegt der Fokus auf der neuen Ära des privaten Geldwettbewerbs.

Finanz- und Geldgeschäfte erleben daher derzeit “The Great Unbundling” – flächendeckendes Aufbrechen der Wertschöpfungskette. Der Kunde bezieht seine Dienstleistungen nicht mehr länger unisono bei einer Universalbank, sondern folgt einem Best-In-Class-Ansatz, bei dem er sich die für ihn besten Angebote zusammenträgt. Kreditkarte bei Revolut, die Vorsorge über Descartes Finance und Wertschriftenhandel vielleicht schon bald via Robinhood.

Neben Fintechs drängen auch die Techgiganten wie Amazon, Apple, Google und Facebook in den Finanzbereich vor. So bietet Amazon in einigen Ländern bereits Kredite und weitere Finanzdienstleistungen an. Apple und Google Pay gehören bei einigen IOS- und Android-Nutzer bereits zum Alltag. Auch Facebook lancierte jüngst sein Zahlungssystem Facebook Pay.

 Was das grösste soziale Netzwerk der Welt betrifft, so wurden die Ziele noch höher gesteckt. Mitte 2019 verkündete der Techriese, die auf einem Konsortium basierende Digitalwährung Libra ins Leben rufen zu wollen. Während Facebook Pay als Zahlungsnetzwerk konzipiert ist, wäre Libra eine eigene Währung, die in Form eines Coins (manchmal auch Token genannt) ein Zahlungsnetzwerk ermöglichen würde. Wie das Beispiel von WeChat in China zeigt, ist eine solche Ausgestaltung nicht notwendig, um auf breiter Front Erfolg zu haben (ein eigener Libra-Coin dürfte die Massentauglichkeit und damit die Massenadoption eher einschränken, wäre der Libra-Token doch vor allem über Kryptohandelsbörsen zugänglich, die für viele Menschen noch immer ein rotes Tuch sind). 

Weshalb also versucht sich Facebook dennoch mit einem derart ambitiösen und gewagten Projekt? Es lässt sich nur spekulieren. Als preisstabile Digitalwährung (auch Stablecoin genannt) repräsentiert diese eine Art Reservefonds. Dieser gleicht einem Anlagefonds basierend auf einem Währungskorb und gleicht damit den Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds. Damit stützt sich Libra nicht bloss auf eine staatliche Währung, sondern setzt sich aus einer Handvoll nationaler Währungen zusammen. Als solche wird sie vor allem von Politikern und sonstigen Funktionären als Bedrohung für das weltweite Finanzsystem wahrgenommen. Bedenken der Geldwäsche, Terrorfinanzierung sowie Steuerhinterziehung werden in diesem Zusammenhang in Spiel gebracht. 

Ein Angriff auf das staatliche Geldmonopol

Was Politikern letztlich tatsächlich missfällt: Die mögliche Lancierung eines privaten Geldes durch einen privaten Grosskonzern, der sich in der Vergangenheit wahrlich nicht gerade als vertrauenserweckend erwiesen hat. Letztlich handelt es sich um einen Angriff auf die heilige Kuh der Gegenwart: das staatliche Geldmonopol. Ob das Libra-Projekt daher wirklich eine reale Chance hat, wird erst die Zeit zeigen. Zurzeit scheinen die US-Verantwortlichen dem Unterfangen kaum wohlgesinnt. Das könnte sich in naher Zukunft allerdings ändern. Immerhin erwägt man bereits, Libras Reservefonds nur mit US-Staatspapieren zu decken. Das käme den USA natürlich gelegen und würde Libra zu einem geeigneten Werkzeug im Tech-Wettlauf mit den Chinesen machen. Ein Facebook-Projekt mit Blockchain-Assoziation als geopolitische Geheimwaffe also. Vielleicht ist Libra gar «Fiats letzte Chance",», relevant zu bleiben?

Wenngleich es Politiker nicht wahrhaben wollen, so zeigt die Libra-Geschichte deutlich: Die Zeit des exklusiven staatlichen Geldmonopols sind gezählt. Es bläst ein neuer Wind und zwar jener des privaten Geldwettbewerbs. Aller Opposition gegen Libra zum Trotz, die Idee nichtstaatlichen Geldes ist gekommen, um zu bleiben. Der Geist ist aus der Flasche entwichen!

Das Libra-Projekt ist dabei nur eine Iteration dieser Idee privaten Geldwettbewerbs. In absehbarer Zukunft dürften noch weitere Manifestationen folgen. Initiiert hat diese neue Geld-Ära der Bitcoin. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise geboren, stellt Bitcoin die Antithese zur bestehenden Finanzordnung dar. Das Kryptoasset ist der Versuch, Geld als eine auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft einwirkende Kraft aus den Händen zentralplanerischer Gottspieler zu entreissen. Geld soll knapp und dezentral sein, um so den unendlichen Appetit von Politikern, Funktionären und Wirtschaftsgrössen zu bändigen. In den Augen seiner Befürworter ist Bitcoin eine Gegenreaktion auf die mit Fiatgeld betriebene Schindluderei. 

Aus Sicht von Bitcoin-Enthusiasten sind die Bestrebungen von Fin- und Bigtech eben nicht Lösung, sondern Teil des Systems, während das System das eigentliche Problem ist. Ob ein Geld durch das staatliche Geldmonopol gestützt und durch private Banken oder gar Konzerne emittiert wird, die Problematik bleibt dieselbe: Es verbleibt in zentralistischer Hand und kann nicht selbstsouverän gehalten werden. 

Digitale Zahlungslösungen, die aus gegenwärtigem Geld Fiatgeld 2.0 machen wollen, sind bloss «Lipstick on a pig», so das Argument der Bitcoin-Aficionados. Das fundamentale Problem des Geldsozialismus unseres heutigen Geldsystems würden dadurch nicht gelöst. Geld sei weiterhin an Intermediäre gebunden und jede getätigte Zahlung werde in zentralen Buchungsregistern erfasst, die von einigen Drittparteien kontrolliert sind. Transaktionen können bei Bedarf jederzeit untersagt werden.

Eine echte Alternative

Aus diesem Grund ist zwischen Digitalwährungen und Kryptowährungen zu unterscheiden. Letztere können exklusiv mittels kryptografischer Methoden durch Einzelpersonen beherrscht werden. Sogenannten Kryptowerte können also ähnlich wie materielle Sachen direkt durch Inhaber und ohne Intermediäre gehalten und verwendet werden. Anstatt durch einen Intermediär verwaltet, basieren Kryptowerte auf einer Blockchain. Dabei handelt es sich um eine dezentral verteilte Datenbank, bei der niemand die alleinige Kontrolle innehat. Die Blockchain ist letztlich ein Computerprotokoll beruhend auf Programmiercode. Das macht die Kryptowerte technisch betrachtet zu purer Information und Mathematik.

Folglich steht Bitcoin für eine alternative Art und Weise, ein Finanzsystem zu denken. Schon heute ist unsere Finanzordnung ein Konglomerat abstrakter Konstrukte wie Verträge, Versprechungen und Bilanzen. Das legt Zeugnis davon ab, dass unsere Wirtschaft seit jeher abstrakter geworden ist. Diese Tendenz zu immer stärkerer Abstrahierung hat schon der grosse Philosoph und Soziologe George Simmel in seinem Werk «Philosophie des Geldes» festgestellt. Es ist davon auszugehen, dass diese Entwicklung auch in Zukunft weitergehen wird. Geld im engeren Sinne, auch Base Money genannt, dürfte immer mehr in den Hintergrund treten. Geld im weiteren Sinne, also Geldsurrogate wie Bankeinlagen, Kreditkarten und andere Kreditvereinbarungen, dürften hingegen noch prominenter werden.

Getrieben ist diese Entwicklung von der Finanzialisierung der vergangenen Jahrzehnte, welche Wirtschaft- und Finanzwelt stärker hat verschmelzen lassen. Dieses Amalgamat bedingt eine Finanzalchemie, die heute auf drei Grundbausteinen basiert: Institutionen, Anreize und menschliche Beteiligung. Im bestehenden Finanzsystem überwiegt das menschliche Element. Verträgen und Versprechen sind zwar durch Institutionen ein Rahmen gesetzt, exekutiert und durchgesetzt werden sie jedoch von Menschenhand.

 Dagegen reduziert Bitcoin auf Protokollebene das menschliche Element in einem noch nie dagewesenen Ausmass und gewichtet die beiden anderen Komponenten stärker. Einerseits sollen Anreize, das menschliche Element in Schach halten, andererseits kommt der Technologie aufgrund von Mathematik, Kryptographie und Informatik eine grössere Bedeutung zu. Eine Finanzalchemie wie wir sie heute kennen, der jedoch Bitcoin zugrunde liegt, dürfte weniger vom menschlichen Element abhängen, sondern durch Computer, Formeln und Code gesteuert, exekutiert und durchgesetzt werden. Welche Art von finanzieller Alchemie in einem objektiven Sinne besser ist, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt nicht ausmachen. Darüber wird die Zukunft entscheiden, stehen spätestens seit der Entdeckung Bitcoins unterschiedliche Geldtypen im Wettbewerb.


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