25. Februar 2020

Die Zukunft des Geldes: Ein Entwertungskampf der nationalen Währungen

Eine vierteilige Serie über die Zukunft des Geldes. Im ersten Teil geht es um die Frage, wie die Schliessung des Goldfensters die Welt in einen sich stetig beschleunigenden Entwertungskampf der nationalen Währungen gestürzt hat.

Geld – auf fast alle Menschen entfaltet es eine magische Kraft. Egal jedoch ob wir es verdienen, ausgeben oder sparen, kaum jemals denken wir über folgende Fragen nach: Was ist Geld, weshalb existiert es und wie sieht das Geld der Zukunft aus? Warum auch? Unser Geld funktioniert. Tag ein, Tag aus verwenden wir es ohne grosse Mühe. Wo also liegt das Problem?

Nirgends. Wie August Friedrich von Hayek festgestellt hat, verwenden wir Menschen ständig Dinge, über die wir eigentlich nichts wissen. Gerade dieser Umstand macht uns als Spezies so erfolgreich. Mit Geld ist es nicht anders.

Im Zuge des meteorischen Aufstiegs Bitcoins scheinen Fragen über und zu Geld jedoch plötzlich an Relevanz zu gewinnen. Befindet sich die Institution Geld etwa gerade im Umbruch? Wie die Geldgeschichte zeigt, ist Geld niemals eine ruhende, unveränderliche Sache gewesen. Geld und dessen Wesen hat sich seit jeher im Wandel befunden. Deshalb gilt selbst beim Geld: Was wir heute für eine Selbstverständlichkeit halten, kann morgen schon nicht mehr gültig sein. Es ist eben kein Problem, bis es ein Problem ist. 

Geld am Scheideweg

Die Annahme, dass das Wesen des Geldes heute wahrscheinlich nie mehr im Fluss war als jemals zuvor, könnte auf folgende Tatsachen zurückzuführen sein: Der technologische Wandel, die faustische Überdehnung unserer Finanzordnung, alte Erkenntnisse aus der Geldtheorie oder unternehmerische Entdeckungsprozesse rütteln an den aktuellen Gelddogmen. Gerade weil die Unsicherheit über die Zukunft des Geldes in der Öffentlichkeit immer mehr zu spüren scheint, lohnt sich ein objektiver und nüchterner Blick auf die aktuellen Prozesse, Trends und Dynamiken.

Geld assoziieren wir heute in erster Linie mit staatlichen Währungen: Dollar, Euro oder Schweizer Franken. Diese nationalen Währungen werden durch den jeweiligen Staat, genauer dessen verfassungsrechtlich dazu befugte National- oder Zentralbank, herausgegeben. Als Oberbegriff scheint sich je länger wie mehr das Wort der Fiatwährungen zu etablieren. Der Begriff «Fiat» ist lateinischen Ursprungs, heisst «es werde» und soll auf den Umstand verweisen, wonach staatliche Währungen aus dem Nichts («ex nihilo», ebenfalls Lateinisch) geschaffen und somit keinen inneren Wert aufweisen würden.

Inwiefern diese Beschreibung zutrifft, wird heftig debattiert. Laut Chartalisten würde das Geld seinen Wert durch das Gewalt- und Steuermonopol erhalten. Der Staat sei demnach Ursprung des Geldes und bestimme darüber, was als Geld existiere. Andere Ökonomen verweisen auf die Notwendigkeit einer funktionierenden Wirtschaft, deren vielfältige Produktion ein Tauschmittel erst erforderlich macht. Diese Gruppe sieht den inhärenten Wert des Geldes daher in der Produktivität eines Wirtschaftsraums begründet. Wieder andere halten die Deckung eines Geldes für wesensbestimmend. Historisch waren Papierwährungen denn auch durch Gold gedeckt. Im August 1971 wurde die Golddeckung mit der Schliessung des Goldfensters aufgehoben. Nicht mehr länger referenzierten Währungen damit auf einen Sachgeld. Woher Geld seinen Wert hat, wird auch nach hunderten von Jahren noch diskutiert.

Kampf der nationalen Währungen

Mit der Abschaffung der Goldunterlegung hat das letztgenannte Argument seinen argumentativen Reiz verloren. Staatliche Währungen existieren weiterhin ohne jede Verbindung zum Warengeld, während die moderne Währungsordnung nicht abgestürzt ist, sondern zu einem System freier Wechselkurse übergegangen ist. Während das gelbe Edelmetall zuvor als Wert- und Preisanker gedient hatte, wurde fortan ein Kampf der nationalen Währungen entfesselt. Dieser Kampf erwies sich als recht kostspielig. Die unterschiedlichen Wechselkurse der einzelnen Währungspaare führten zu einem Anstieg der Währungsrisiken. Letztere erhöhten die Transaktionskosten für den internationalen Handel, die bis heute den Welthandel schwer belasten. Es ist ein globaler, ineffizienter Tauschhandel auf nationaler Währungsebene.

Kaufleute, Unternehmen sowie Politiker reagierten auf diese Situation. Auf politischer Ebene entwickelte sich der US-Dollar aufgrund der US-Vormachtstellung als stärkste Wirtschaftsmacht zur globalen Recheneinheit für Öl und andere Rohstoffe im weltweiten Handel. Bis zum heutigen Tag fungiert der US-Dollar als internationale Leit- und Reservewährung. Auf diese Weise erleichtert der Greenback zwar globaler Handel, doch bringt er den USA aufgrund seiner Bedeutsamkeit auch den Vorwurf des «privilège exorbitant» ein. Die schiere Dominanz des Dollars und damit verbundene Vorteile für US-Märkte sind denn auch beeindruckend

Die unternehmerische Antwort bestand indes in der Schaffung von Derivaten und immer mehr Hedgefonds. Erstere sind Finanzprodukte, deren Ziel vorwiegenden in der vertraglichen Absicherung von Risiken über Raum und Zeit besteht. Letztere, die Hedgefonds, sind Instanzen, welche diese Finanzprodukte handeln - aktiv verwaltete Investmentfonds also. Somit ist heute kaum verwunderlich, dass Hedgegeschäfte zur Minimierung von Wechselkursrisiken ein beachtlicher Teil der Finanzgeschäfte ausmachen.

Die Wichtigkeit dieser Instrumente und Entitäten zeigt sich insbesondere bei international tätigen Unternehmen. Deren Einkünfte und Kosten fallen oftmals in den geografisch unterschiedlichsten Währungsräumen an. Derivate helfen hier, Währungsrisiken zu reduzieren. So erhält der Veranstalter des Wimbledon-Tennisturniers für die Übertragungsrechte in den Vereinigten Staaten Zahlungen in Dollar. Fast alle Kosten für die Durchführung des Turnier fallen allerdings in Pfund an. Das macht den Veranstalter vom Pfund-Dollar-Kurs abhängig. Für einen bestimmten Preis kann dieses Risiko mit Derivaten verringert werden, indem sich der Turnierveranstalter verpflichtet, seine Dollar zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft zu einem vorbestimmten Wechselkurs für Pfund zu verkaufen.

 Die heute noch immer stetig wachsende Menge an Derivaten ist somit letztlich auch unternehmerische Folge auf die kostspieligen Auswirkungen dieser Vielfalt nationaler Währungen. Wer heute Geld über nationale Grenzen hinweg versenden möchte, zahlt saftige Gebühren. Der Grund: Die Realität verschiedener Währungsgebiete bedingt die Involvierung mehrerer Bank- und Finanzinstitute. Unzählige Banken, Partnerbanken und Finanzdienstleister aus unterschiedlichen Ländern sind beteiligt und wollen ihren Anteil. Unsere heutige internationale Währungsordnung gleicht letztlich einem globalen Tauschhandel auf der Basis zahlreichen Fiatgelder. Altsysteme und regulatorische Anforderungen erschweren deren effizienten und schnellen Transfer.

Ebenfalls als unternehmerische Reaktion zu werten sind daher die zahlreichen Fintech-Unternehmen. Die populärsten und erfolgreichsten unter ihnen sind denn auch jene, welche die durch nationale Währungen künstlich geschaffenen Barrieren im internationalen Zahlungsverkehr beseitigen wollen. Was Banken kaum geschafft haben, ermöglichen heute Jungunternehmen wie TransferWise oder Revolut. Das Versenden und Empfangen von nationalen Währungsbeträgen wird nicht bloss schneller, es wird auch günstiger.

Doch machen Fintechs nicht beim Zahlungsverkehr halt. Ermutigt durch den Erfolg der Überflieger TransferWise und Revolut stossen sie heute in weitere Bereiche des Geldgeschäfts vor. Ob «kommissionsloser» Wertpapierhandel durch Robinhood, innovative Versicherungslösungen durch Lemonade, digitale Vorsorge durch Viac oder Descartes Finance, neuartige Finanzdienstleistungsaggregation durch Altoo sowie eine Neuerfindung des Privatkunden-Banking durch Yapeal - Fintechs sind auf den Geschmack gekommen.

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