11. Dezember 2019

Bitcoin: Metastase einer Meta-Idee

Was Bitcoin ist, kann kaum beantwortet werden. Man kann jedoch mit Sicherheit sagen: Bitcoin ist die am weitesten verbreitete Meta-Idee des 21. Jahrhunderts, die sich in zahlreichen Erscheinungsformen schnell entwickelt.

Es tickt und tickt, die wohl einzige dezentrale Uhr auf unserem Planeten. Auch nach über zehn Jahren kreiert Bitcoin ungefähr alle zehn Minuten einen neuen Block mit Transaktionen und verhält sich somit ganz genau, wie Satoshi Nakamoto sich das ausgedacht hat. Dabei wird so etwas Selbstverständliches wie die Zeit in einem dezentralen Netzwerk plötzlich zum Problem. Ohne eine konsistente Art, sie zu messen, gibt es keine konsistente Art, Vorher und Nachher zu unterscheiden. Mit der Implementierung von Proof-of-Work hat der anonyme Bitcoin-Erfinder Nakamoto dieses Problem lösen können, indem er eine probabilistische dezentrale Uhr schuf. Diese mag im Vergleich zu Atomuhren ungenau sein, doch legt sie die Reihenfolge von Bitcoin-Transaktionen eindeutig fest. Somit wird die Blockchain zur Quelle der Wahrheit, eine Timechain mit allein gültiger Transaktionshistorie.

Bitcoin, genauer deren Block- oder Timechain, ist also eine dezentrale Uhr. Das mag manch einen verwirren, dem Bitcoin in Zeitschriften und News-Foren doch immer als Kryptowährung beschrieben worden ist. Im Vergleich zu einer Währung scheint eine Uhr etwas gar weit hergeholt - oder etwa nicht? Was genau ist Bitcoin?

Bitcoin, der metaphorische Elefant.

Auch nach zehn Jahren scheint es keine definitive Antwort zu geben. So dürfte es wohl nie eine definitive Antwort geben, denn Bitcoin ist schlicht Unterschiedliches für unterschiedliche Menschen. Es ist wie mit dem metaphorischen Elefanten, von dem jeder seine eigene, ganz persönliche Erfahrung und Vorstellung hat. Über die letzten Jahre wurde debattiert und gestritten - die bislang grösste Auseinandersetzung dürfte die Blockgrössen-Debatte gewesen sein. Auch in Zukunft dürften weitere Debatten folgen. In absehbarer Zeit wohl eine Debatte darüber, welchen Grad von Anonymität Bitcoin auf dem Baselayer ausweisen soll. Und vielleicht sogar einmal eine echte Auseinandersetzung zur Angebotsbeschränkung der 21 Millionen Bitcoin aus Netzwerk-Stabilitätsgründen.

Geld und Sprache

Wir von Schlossberg&Co wollen uns hier nicht auf eine Wesensart, Eigenschaft oder Funktionalität einschiessen, sondern das immens breite Spektrum von Bitcoin einmal abstecken. Technisch gesehen ist Bitcoin ein Protokoll wie andere (Internet-)Protokolle auch. Daher oftmals der Vergleich von BTC/LN zu TCP/IP. Als Protokoll ist Bitcoin wiederum Programmiercode. Bei Programmiercode handelt es sich um eine Sprache, womit Bitcoin gelegentlich auch verglichen wird. Bitcoin ist somit eine Sprache, um Wert zu kommunizieren, was ihn aufgrund seiner Digitalität und Globalität zu einer Weltsprache macht. Wer also Bitcoin nutzt, artikuliert sich gemäss den Sprachregeln, welche durch das Protokoll in Form des Programmiercodes festgelegt sind. Bitcoin verkörpert letztlich also auch das Recht auf freie Meinungsäusserung. Folglich kann der Besitz von Bitcoin rechtmässig eigentlich nicht verboten werden, da eine jede Institution, die sich als Rechtsstaat sieht, keine wirkliche Rechtsgrundlage hat, Menschen das Halten von Einsen und Nullen auf einem Gerät in der Hosentasche zu verbieten. 

Was der Bitcoin-Vergleich mit der Sprache ebenfalls zum Ausdruck bringt: Wie die Sprache selbst, ist auch Bitcoin ein emergentes Marktphänomen. Noch immer in der Entstehung durch einen sozialen Prozess ist Bitcoin aus einer Vielzahl von menschlichen Handlungen hervorgegangen. Im Sinne eines nicht von hierarchisch-zentralistischer Hand geplantes Entdeckungsverfahren schreitet Bitcoin als quasi marktanarchistische Erscheinung voran und scheint aufgrund des ihm inhärenten Versuch-und-Irrtum-Prinzips konstant Fortschritte zu machen.

Als wohl bedeutendste Manifestation dieser Marktemegenz wird die Idee von Bitcoin als privates Geld gesehen. So gibt es über die Menschheitsgeschichte verteilt viele Beispiele für Geld, das sich gewissermassen aus einem sozialen Entdeckungsprozess heraus entwickelt hat, allen voran Gold und in geringerem Ausmass Silber. In diesem Sinne ist Bitcoin eben nicht nur eine technologisch interessante Angelegenheit, wie viele glauben, sondern genauso ein monetäres Ereignis sondergleichen.

Bitcoin hat die Diskussion um Geld wieder neu aufgekocht. Es zeigt sich jedoch, dass Geld eben nicht gleich Geld ist. Besonders zwischen dem Konzept eines Wertaufbewahrungsmittels sowie demjenigen eines Zahlungsmittel gibt es eifrig geführte Kontroversen: Einige sehen Bitcoin als eindeutige Manifestation eines digitalen Goldes, während andere der Funktion als Tausch- und Zahlungsmittel anhängen. Letztere konzentrieren sich daher hauptsächlich auf die Fortentwicklung des Lightning-Netzwerkes, das Bitcoins Transaktionskapazität baldmöglichst befeuern soll, so dass selbst Mikrotransaktionen Wirklichkeit werden. Auf der Seite der Wertaufbewahrungsmittel-Sympathisanten sind die Lager auch etwas gespalten: So ist eine Gruppe davon überzeugt, dass sich Bitcoin als Asset zuerst als Wertaufbewahrungsmittel etablieren müsse, worauf dann die Zahlungsmittelfunktion - womöglich über Lightning - natürliche Folge ist. Andere Vertreter dieses Lagers sind da skeptischer und sehen einen inhärenten Trade-off zwischen einem stabilen Wertaufbewahrungsmittel und einem breitflächig akzeptierten Tauschmittel, das als Schmieröl für eine Transaktionswirtschaft dienen soll.

Finanzielle Infrastruktur

Ausser Frage steht, dass Bitcoin als Asset gesehen wird. Ein Asset, das ein eigenes, neues Finanzsystem antreiben könnte. Insofern ermöglicht Bitcoin eben auch eine Finanzinfrastruktur, wie wir sie aus der traditionellen Welt bereits kennen. Die Bitcoin-Mainchain, also die Baselayer-Blockchain stellt in diesem Fall ein Settlement-Mechanismus dar, wie er heute von den Zentralbanken bereitgestellt wird. Mainchain-Bitcoin sind demnach die sogenannte risikolose Anlage und bildet das Fundament dieses neuen Finanzsystem, genauso wie US-Staatspapiere die Grundlage der herkömmlichen Finanzwelt darstellen. Schon heute kommt Bitcoin als Collateral (Besicherung) bei Kreditgeschäften zur Anwendung - im Zuge der Weiterentwicklung von Bitcoin-Finanzinstrumenten, auch der Derivatprodukte zur Glättung der Preisvolatilität, wird die Verwendung als Collateral noch wachsen.

Der Stand des Lightning-Netzwerks am 11. Dezember 2019.

Zu einem Finanzsystem gehört gewiss auch ein Zahlungssystem und natürlich wird Bitcoin auch als Zahlungsnetzwerk gesehen. Kein Geringerer als Satoshi Nakamoto selbst hat Bitcoin in seinem Whitepaper als «ein elektronisches Peer-to-Peer- Cash-System» eingeführt. Ob das Lightning-Netzwerk oder gar noch eine höhere Ebene innerhalb des modularen Bitcoin-Stack dieses Zahlungssystem zu voller Blüte bringen werden, ist heute noch nicht vollends klar. Auch die Liquid-Sidechain könnte diesbezüglich eine Rolle spielen. Diese ist heute schon für Kryptobörsen interessant, um gegenseitig internationale Zahlungsströme abzuwickeln - nicht ungleich dem SWIFT-System, das gegenwärtig Transaktionen von ungefähr 11.000 Banken, Brokerhäusern, Börsen und anderen Finanzinstituten in etwa 200 Ländern verarbeitet und damit den gesicherten Nachrichten- und Zahlungsverkehr der angeschlossenen Firmen und Institutionen abwickelt.

Internet des Geldes

Aufgrund seiner zahlreichen Eigenschaften und den verschiedenen Bereichen, die Bitcoin tangiert, wird Bitcoin für den Nutzer zu einer Plattform. Bitcoin selbst ist die neueste Iteration einer Plattformökonomie, die anreiztechnisch so funktioniert, dass sich immer mehr Menschen auf diese Plattform begeben. Es sind die berühmten Netzwerkeffekte, die, je länger Bitcoin existiert - und das ist gemäss Lindy-Effekt zu erwarten -, eine immer stärkere Sogwirkung ausüben dürften. Denn letztlich hat jeder Zugang zu Bitcoin. Bitcoin ist ein offenes, neutrales, grenzüberschreitendes, erlaubnisfreies, zensur- und wegnahmeresistentes Netzwerk. Nicht eine oder mehrere Nationen kontrollieren es, sondern es lebt auf dem Internet - Bitcoin ist das Internet des Geldes

Das Internet ist heute fast überall und es wird über die nächsten Jahre immer weiter wachsen. Auch Bitcoin ist heute bereits überall und doch nirgends. Im Grunde ist Bitcoin einfach nur Information. Und was ist Information? So viel wissen wir: eine der grundlegendsten Angelegenheiten der Menschheit. Somit ist Bitcoin letztlich eine Abstraktion, doch nicht nur irgendeine, sondern wohl die höchste Abstraktion, die von Menschen bislang erdacht worden ist. Bitcoin basiert gänzlich auf Mathematik. Bitcoin ist virtuell, doch hat er die hinlänglich mit dem Digitalen assoziierten Probleme überwunden. So ist er zwar nicht greifbar oder materiell, wohl aber konkret und dinglich. Als erste Sache überhaupt hat es Bitcoin geschafft, die der realen Welt immanente Knappheit zu digitalisieren. Bitcoin ist digital knapp. Nicht nur das; seinem Wesen nach ist er auch ein sogenanntes (digitales) Inhaberpapier oder eben digitales «Bearer Instrument». Er widerspricht daher auch in dieser Hinsicht der gewöhnlichen Vorstellung eines digitalen Guts. Mit Inhaberpapier ist gemeint, dass man Bitcoin eigenständig halten kann und nicht auf eine Drittperson angewiesen ist. 

Bitcoin ist auch ein Kryptowert, der mittels kryptografischer Methoden beherrschbar ist. Kryptografische Beherrschbarkeit wiederum bedeutet: Der Inhaber eines Kryptowertes kann über diesen mittels elektronischer Signatur verfügen. Die Innovation von Bitcoin besteht indes darin, dass man mit einer elektronischen Signatur nicht beweist, wie man heisst oder wer man ist, sondern, dass einem etwas - also unfälschbare Bitcoin - gehört.

Und wem beweist man das? Allen im Bitcoin-Netzwerk die Transaktionen verifizierenden Full Nodes. Und wie beweist man es? Über den jeweiligen Private Key, der zur Entschlüsselung notwendig ist. Und was beweist man? Dass genügend UTXOs, also Ausgänge von Transaktionen eine bestimmte Bitcoin-Adresse referenzieren und diese noch nicht als Eingabe bei einer anderen Transaktion verwendet worden sind. Diese Informationen sind in einem «distributed Ledger» (verteiltes Hauptbuch) abgelegt. Bitcoin is somit auch ein weltweit verteilter Ledger, der Eigentumsverhältnisse unmissverständlich und unabänderlich in jedem Moment aufzeichnet. Bitcoin verkörpert demnach auch Eigentumsrechte, die nicht exklusiv an Gewaltmonopol gebunden sind. Individuen können Eigentum in Form eines Kryptowertes besitzen, das nicht auf die Durchsetzung und den Schutz durch eine territoriale Souveränität angewiesen ist.

Selbst-Souveränität

Bitcoin bedeutet daher auch Selbstsouveränität für das einzelne Individuum. Weil Bitcoin das Individuum stärkt, hat dieses auch den Anreiz, dieser neuen Institution zuzuarbeiten. Als solches ist Bitcoin eine Katallaxie und damit das Ergebnis unzähliger Einzelpersonen. eine öffentliche Blockchain wie Bitcoin hat eine Regelstruktur, ein Asset zur Übertragung und Speicherung von Wert, ein Plattform für Verträge, Dienstleistungen, Unterorganisationen sowie ein System für Kontrolle, Governance und Sicherheit. 

Bitcoin verkörpert und ermöglicht den Aufstieg des selbstsouveränen Individuums. Schon die Philosophin Ayn Rand meinte, dass das Individuum die kleinste Minderheit auf Erden ist. Als solche hat sie in unserer Welt - und wohl speziell in unserer Zeit - einen schweren Stand, weshalb Bitcoin auch als symbolische Kraft für Freiheit derart fasziniert. Es ist der Versuch, sich von alten verkrusteten (Finanz-)Strukturen und für unfehlbar gehaltene Fiktionen zu lösen. In diesem Sinne erachten einige Bitcoin gar als die Erlösung und Satoshi als den Erlöser. Für sie ist Bitcoin ein Glaubenssystem, für das es sich den metaphysischen Kampf gegen jene andere Religion zu kämpfen lohnt, deren Gott die zentralistisch organisierte Fiatwährung ist.

Was ist Bitcoin?

Just zum Ende dieses Artikels hat die dezentralisierte Uhr «Bitcoin» ein weiteres Mal geschlagen, sprich einen weiteren Block kreiert. Bitcoin tickt und tickt, da Bitcoin einfach ist. Es ist Ralph Merkle der Bitcoin als neue Lebensform beschrieben hat. Seiner Essenz nach ist Bitcoin vielleicht klar definierbar und damit eindeutig. Als digitaler Organismus hingegen ist sein Wesen allerdings unendlich komplex und aufgrund seiner selbstorganisierenden kollektive Intelligenz kaum abschliessend zu kategorisieren.

Natürlich könnte die Liste dazu, was Bitcoin ist, noch beliebig weitergeführt werden, weshalb wir den scheinbar unendlichen Fortlauf derselben an dieser Stelle beenden. Immerhin ist Bitcoin selbst ja endlich, weil absolut knapp.

Forschungskontakt
Schlossberg&Co
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