28. April 2020

Unser Finanzsystem wirklich verstehen: Die gängige Sicht

Die meisten Beobachter haben eine wage Vorstellung davon, wie unsere Finanzordnung funktioniert. Überraschenderweise haben selbst Experten Mühe exakt zu beschreiben, was genau vor sicht geht. Die Dinge sind letztlich (zu) sehr dynamisch und komplex. Vor allem scheinen wir erst allmählich zu erkennen, dass Zentralbanken ein allzu dominanter Akteur sind.

Ökonomen, Politiker, Regulatoren und folglich auch der interessierte Laie, sie alle hegen heute eine traditionelle Sicht auf die Finanzmärkte. Die Grundlage dieser Betrachtungsweise bilden Geschäftsbanken und Versicherungen. Nach allgemeinem Verständnis sind diese beiden Akteure für die Finanzwelt heute von entscheidender Bedeutung.

Dabei werden mit ihnen folgende zwei Hauptfunktionen in Verbindung gebracht: eine Lenkungs- sowie Versicherungsfunktion. Erstere beinhaltet die Koordination des finanziellen Mittelflusses zwischen Kreditnehmern und Kreditgebern, letztere die Diversifikation und Glättung von Risiken im Finanzkontext. Während die Lenkungsfunktion hauptsächlich den Banken zufällt, wird die Versicherungsfunktion durch Versicherungen bewältigt.

Gemeinhin gehen die Assoziationen dahin, dass Banken und Versicherungen in ihren Funktionen die «Realwirtschaft» bedienen. Der Begriff der Realwirtschaft meint in diesem Zusammenhang jenen Teil der Gesamtwirtschaft, der sich mit Waren und Dienstleistungen befasst. Die Sicht ist gewiss nicht falsch, doch lässt sie wichtige Bestandteile aussen vor.

Es ist fast schon eine bedauerliche Tatsache: Wer heute mit Ökonomen, Politikern und Regulatoren über das Finanzsystem spricht, merkt schnell: Das Gros dieser “Experten” hängt veralteten, unpräzisen Theorien und Ansichten über die Abläufe und Gegebenheiten auf den Finanzmärkten an. Wie aber kann das sein?

Es dürfte vor allem der ungemeinen Dynamik unserer Finanzwelt geschuldet sein. Diese bewegt sich so schnell, dass Theorie, Modelle und Verständnis notgedrungen hinterherhinken. Gleichwohl denken wir als Menschen ganz generell in Kategorien und Systemen, da sie uns das Einordnen und Interpretieren der Wirklichkeit vereinfachen. Konstantes Revidieren und Anpassen der eigenen Denkschablonen wäre aber letztlich nötig, doch stösst sich das nicht selten mit Sachzwängen, Zeitdruck, Nutzenkalkül, Position oder Anreizen. Insbesondere bei intelligenten Experten und klugen Ökonomen kommen derartige Element erst recht zum Tragen.

Auffallend viele Experten und Koryphäen betrachten das «Finanzsystems» durch ein und dieselbe Brille. Kaum einer legt diese Brille jedoch auch mal ab, um die Tiefen einmal anders zu erblicken.

Mikro- und Makrosteuerung

Gleichwohl wollen wir unsere Betrachtungsweise da beginnen, worauf auch die allgemeine Sicht ihr Augenmerk legt. Noch immer liegt dieses sehr stark auf dem Bankwesen. An dessen Ursprung stehen die Geschäftsbanken. Diese haben die Funktion, Unternehmen mit Krediten zu versorgen. Auf der Grundlage der sogenannten Teilreservehaltung betreiben Banken ein inhärent risikohaftes Geschäftsmodell. Als Teilreserve-Banken vergeben Banken Kredite, wovon sie bloss eine kleine Mindestreserve bei der jeweiligen Zentralbank hinterlegen müssen.

Damit dieses inhärent risikohafte Geschäftsmodell aufgehen kann, sind Geschäftsbanken dazu gezwungen, mikroökonomisches Kredit- und Liquiditätsmanagement zu betreiben. Entscheidend ist dabei die Mikrosteuerung der Kreditschöpfung durch das Ermessen und Abschätzen individueller Kreditwürdigkeiten.

Den Zentralbanken ihrerseits obliegt die Makrosteuerung der Kreditschöpfung, indem sie die Kreditschöpfungsdynamik der Geschäftsbanken beurteilen und das Gesamtsystem mit Liquidität versorgen. Als Hauptinstrument bedienen sich diese des Leitzinses, den sie in Erwiderung auf das entsprechende Geldmengenwachstum entweder senken oder anheben. Ersteres führt zu einer Liquiditätsausweitung, letzteres zur Liquiditätsverknappung innerhalb des Gesamtsystems.

Aufgrund ihres inhärent risikohaften Geschäftsmodells würden sich Banken bei der Mikrosteuerung der Kreditschöpfung immer wieder vertun, weshalb es zu Finanzkrisen kommen würde. Ist die Krise tatsächlich einmal da, vergeben sie keine Kredite mehr, weil Bank Runs die Existenz erster Banken gefährden und sich Geschäftsbanken daher untereinander nicht mehr trauen.

In diesem Fall haben wir es mit einer Liquiditätskrise zu tun. Eine solche kann immer auch in eine Solvenzkrise überschlagen, doch dazu später mehr. Als Antwort auf ein solches Liquiditätsvakuum jedenfalls sind Zentralbanken heute angehalten zu intervenieren, um den Kreditfluss innerhalb einer Wirtschaft aufrechtzuerhalten.

Die Dominanz der Zentralbanken

In den letzten Jahrzehnten sind Zentralbanken immer mehr zum Dreh- und Angelpunkt geworden. Das ist umso bemerkenswerter, als dass Zentralbanken im Vergleich zu anderen Finanzakteuren verhältnismässig junge Institutionen sind. Die US-Notenbank beispielsweise wurde erst 1913 gegründet. Sie und andere Zentralbanken wurden ihrem Ursprung nach zur Stabilisierung nationaler Geschäftsbankentätigkeiten ins Leben gerufen. Als staatliche Instanz emittieren sie heute Basisgeld für einen nationalen oder auch supranationalen Wirtschafts- und Bankenraum und fungieren letztlich als Bank über den Banken.

Gemeinhin werden den Zentralbanken zwei wesentliche Mandate nachgesagt: die Gewährleistung der Preisstabilität und der Erhalt der Finanzstabilität. Ersteres umfasst das Verfolgen einer Kerninflationsrate von zwei Prozent zur Inganghaltung des Wirtschaftswachstums, letzteres die Bereitstellung von ausreichend Finanzmarktliquidität.

Die Vorstellung unter Zentralbankern war stets: Haben sie im Zuge wirtschaftlicher Abschwünge Liquidität bereitgestellt, werden sie darauffolgend sicherstellen müssen, dass ihnen die Kerninflation nicht davon galoppiert. Ihrer Aufgabe nach glaubten sie, überschüssige Liquidität abschöpfen zu müssen, um das gesetzte Inflationsziel nicht zu überschreiten.

Die westliche Welt, genauer gesagt ihre Zentralbanken, haben in den letzten Jahren damit zu kämpen gehabt, die gewünschten Inflationsziele zu erreichen.

Mit dem Beginn der 1990er-Jahre ist die Kerninflation allerdings in einen stetigen Abwärtstrend übergegangen. Mit jedem wirtschaftlichen Abschwung wurden die Zinsen ein ums andere Mal gesenkt. Doch zog die Kerninflation niemals spürbar an. Selbst als die Zentralbanken als Antwort auf die Finanzkrise von 2008 ihre Bilanzen durch den Ankauf von allerlei Wertschriften gewaltig verlängert haben, ist die Kerninflation kaum gestiegen und auch das Wirtschaftswachstum ausgeblieben. Vielmehr sahen sich die Zentralbanken in den letzten Jahren mit deflationären Tendenzen konfrontiert, weshalb sie sich in der Pflicht gesehen haben, zweites Mandat der geldpolitischen Makrosteuerung zur Abwendung von Finanzmarktabschwüngen zu intensivieren.

In jüngerer Geschichte sind Zentralbanken deshalb immer stärker zu Kreditgebern der letzten Instanz (Lender of Last Resort) mutiert. Dabei hat man liquiditätsarmen, aber auch notleidenden Geschäftsbanken mit Liquiditätsversorgungmechanismen, aber auch Finanzspritzen unter die Armen gegriffen, damit diese die Wirtschaft weiterhin mit Krediten versorgen und somit eine allfällige Deflationsspirale, ein sogenannter «Credit Crunch», verhindert werden kann.

Das Problem des Moral Hazard

Diese stetige Bereitschaft der Zentralbanken zu intervenieren hat letztlich eine immer schwerer wiegende Problematik des Moral Hazards kreiert. Im Wissen darum, dass Zentralbanken mittels Liquiditätsmanagement stets für eine ausreichende Dosis an Liquidität sorgen werden, haben Geschäftsbanken einen immer stärkeren Negativanreiz, ihr eigenes Liquiditätsmanagement zu vernachlässigen. Ihre überhöhte Risikobereitschaft macht sie an der Schwelle (at the margin) anfälliger für Liquiditätsprobleme, was sie in der Konsequenz dann wieder von Liquiditätsspritzen der entsprechenden Zentralbank abhängig macht. Ein Teufelskreis par excellence. 

Doch ist das hier keine direkte Kritik an den Banken, sondern viel eher eine Kritik an den Strukturen selbst. Denn das Problem des Moral Hazard ist real und hat über die vergangenen Jahrzehnte denn auch tatsächlich dazu geführt, dass Zentralbanken dem internationalen Bankensystem fortwährend neu geschaffene Liquidität zuführen mussten. Wer das süsse Gift einmal gekostet hat, kommt davon kaum mehr los.

Solange ein Staat auf Steuerzahler Rückgriff nehmen kann und die von Zentralbanken gekauften Staatsanleihen durch die Steuern auf eben diese Steuerzahler gedeckt sind, können sich Staat und Zentralbank als Retter in der Not gebärden.

Gleichwohl scheint von dieser Liquidität kaum etwas in die Realwirtschaft durchzusickern. Nicht am Kapitalmarkt operierende Klein- und Mittelstandsunternehmen klagen darüber, von Banken nur schwer Kredite zu erhalten. Erst die Coronakrise hat die Politik zu abrupten Handeln gezwungen.

Der Grund für die sonst so spärliche Kreditvergabe durch Banken dürfte vor allem regulatorischer Natur sein. Aufgrund des Teilreserve-Wesens, ihrer tragenden Rolle bei der Kreditschöpfung und den damit verbundenen Risiken, gehört die Geschäftsbankenindustrie zu einer der am stärksten regulierten Branchen überhaupt. Nur logisch, dass den Banken in “normalen” Zeiten Auflagen auferlegt werden müssen, welche die Kreditvergabe einschränken.

Selbst die stärkste Regulierung ist allerdings niemals absolut. Sie kann es nicht sein, da jede Regulierung neue Regulierungslücken schafft. So bedeuten Vorschriften und Regeln stets höhere Kosten für den regulierten Bereich, was wiederum die Gewinnmarge für das noch nicht regulierte Feld erhöht.

Wie in anderen Industrien stellte sich die Digitalisierung als treibende Kraft heraus, um verschiedenste Geschäftstätigkeiten neu zu definieren und in noch nicht regulierte Gefilde vorzudringen. Dank besserer Technologien sah man sich als Geschäftsbank plötzlich befähigt, komplexere Finanzstrukturen mit mehreren Bilanzebenen zu bewältigen. Der Auftakt ins Schattenbankwesen, das heute auf einem weltumspannenden Eurodollar-Standard basiert, war somit besiegelt.



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