16. April 2020

Unser Finanzsystem wirklich verstehen: ein System?

Gemeinhin sprechen Experten und Laien allesamt von einem Finanzsystem. Aber handelt es sich dabei wirklich um ein System? Und sind die Banken tatsächlich die wichtigsten Akteure der heutigen Finanzwelt?

Überdurchschnittlich viel fallen dieser Tage die Begriffe Geld- und Finanzsystem. Wer sich dieser Begriffe bemüht, versucht damit vor allem eines: Die Komplexität von Geld, Finanzen und Märkten in einem Begriffspaar zusammenzufassen. Doch was zum Scheitern verurteilt ist, verkommt zu einer statisch-lückenhaften Erfassung eines Amalgam, das aufgrund inhärenter Dynamik in stetigem Wandel begriffen ist. 

Dem menschlichen Naturell bereitet Bewegung und Veränderung Mühe. Als Menschen sehnen wir uns danach, den Überblick und die Kontrolle über unsere Lebensrealität zu behalten. Daher stützen wir unsere Gedanken auf fragmentarische Schnappschüsse der Realität, die sich nicht selten aus unseren weltanschaulichen Axiomen ableiten. Der Drang zu kategorisieren und systematisieren entspringt unserer menschliche Natur.

Von einem Geld- oder Finanzsystem zu reden, ist daher nicht falsch, mit Sicherheit aber verkürzend und unvollständig. Dies zu wissen, soll denn auch zur Demut anregen. Eine solche geht verloren, wenn man allzu sehr von der Systemhaftigkeit unserer Welt ausgeht.  

System impliziert Systematik und hinter einer solchen wird allzu schnell ein Plan und somit Planung, Konstruktion und Organisation vermutet. «Unser» Geld- und Finanzsystem ist jedoch nicht von langer Hand geplant. Keine übergeordnete Instanz plant und konstruiert. Niemand zieht im Hintergrund die Fäden, wenn auch einige Verschwörungstheoretiker und Systemkritiker davon überzeugt sind. Wer sich dennoch zur Verwendung eines Begriffs genötigt fühlt, sollte eigentlich von einer Geld- und Finanzordnung sprechen, die historisch gewachsen ist. Es ist eine Ordnung sozialer Strukturen, die das das Resultat menschlichen Handelns sind, aber eben nicht menschlicher Absicht, um es mit grossen schottischen Moralphilosophen Adam Ferguson zu sagen.

Adam Ferguson war Historiker und Sozialethiker des 18. Jahrhunderts und ein wichtiger Exponent der schottischen Aufklärung.

Erst in jüngster Zeit wird indes klarer: Was in der Natur vorkommt, bestimmt auch das menschliche Zusammenleben: komplexe Systeme. Auch die Geld- und Finanzordnung fällt in die Kategorie solcher komplexer Systeme. Was wir als Geld- oder Finanzordnung wahrzunehmen glauben, ist in Tat und Wahrheit eine in ihrer Gesamtheit unüberschaubare Kombination von handelnden Menschen, die sich in Raum, Zeit, Physis und Geist unterscheiden.

Deshalb ist menschliches Handeln und damit auch unsere Geld- und Finanzordnung an Komplexität kaum zu überbieten. Natürlich werden innerhalb eines solchen komplexen Systems ständig Pläne geschmiedet, Ziele verfolgt und Projekte organisiert. Das geschieht jedoch in mannigfaltiger, ungewisser und oftmals widersprüchlicher Weise.

In komplexen Systemen zeigen sich Effekte erster, zweiter, dritter, ja schliesslich n-ter Ordnung.

Im Sinne der Erkenntnis und dem Bewusstsein über zwingende Unschärfen in der Analyse will diese Schrift gleichwohl einen Erfassungs- und Erklärungsversuch wagen. Am Anfang einer jeden ordnungsgemäßen Analyse steht die Einordnung der Begrifflichkeiten. Obwohl gemeinhin als Synonym verwendet, sollten die Begriffe «Geld- und Finanzsystem» auseinandergehalten werden.

Banken sind ein Begriff

Mit dem Begriff des Geldsystems wird versucht, das Phänomen des Geldes in eine Systematik zu packen. Diese Systematik umfasst diejenigen Institutionen, welche unserem Geld – oder besser was gegenwärtig als Geld verstanden wird – den Stempel aufdrücken. Wie es die Finanzlehrbücher lehren handelt es sich bei diesen Institutionen um Geschäftsbanken und Zentralbanken. Mit wachsender Bedeutung der Zentralbanken haben auch Finanzministerien einen etwas stärkren Fokus erlangt. Finanzministerien sind jene Einheiten, welche die Finanzen eines entsprechenden Staates verwalten. Als solche sind sie wahrscheinlich die am meisten unterschätzten Institutionen, wenn es sowohl um die Bedeutung als auch um die Funktion in unserem heutigen Geldsystem geht.

Unter dem Begriff des Finanzsystems wird indes die Systematik hinter Finanz- und Zahlungsströmen verstanden. Entscheidend hierfür sind die Finanzmärkte, welche sich in Geld-, Kapital und Devisenmarkt unterteilen lassen. Noch immer, so das allgemeine Verständnis, würden den Banken und Versicherungen die alleinig tragende Rolle in unserem «Finanzsystem» zukommen. Wie wir später jedoch sehen werden, gibt es heute eine Vielzahl weiterer Finanzintermediäre (Investmentanstalten, Fondsgesellschaften und Schattenbanken), deren Bedeutung genauso wichtig, vielfach aber zu wenig verstanden ist.

Bankgebäude zieren nicht selten die Skyline grösser Metropolen. Es kommt also nicht von ungefähr, dass Banken in den Köpfen vieler Menschen die Aushängeschilder der Finanzwelt sind.

Geld- und Finanzsystem sind letztlich untrennbar ineinander verwoben. Zusammen haben sie sich über die vergangenen Jahrzehnte in einem atemberaubenden Tempo dynamisch weiterentwickelt. Finanzversprechen, die durch Akteure des globalen «Finanzsystems» geschaffen werden, haben heute geldigen Charakter erlangt, sie fungieren also de facto als Geld. Gleichzeitig haben Instrumente der Geldordnung eher finanztechnischen Vermögenswertcharakter eingenommen. Diese Verkomplizierung heutiger Verhältnisse birgt insbesondere die Gefahr globaler abrupter Liquiditätskrisen, wie wir noch sehen werden.

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