20. Januar 2020

Ausgeklügelte Investmentstrategie mit Bitcoin-Bias: Teil 2 von 2

Gibt es sinnvolle Gründe, in Kryptoassets zu investieren? Wenn ja, welche Kryptoassets soll ein Investor wählen? Der zweite Teil dieser Serie widmet sich Kryptoassets, die darauf abzielen, Geld zu sein. Hat ein Investor bei diesen Anlagen in der langen Frist bessere Chancen auf nachhaltigen Wertgewinn?

Wie im ersten Teil argumentiert, dürften Utility Assets von sogenannten Smart-Contract-Plattformen für Investoren langfristig wenig interessant sein. Zu hoch scheint zum heutigen Zeitpunkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Wert solcher Anlagen durch eine hohe Umlaufgeschwindigkeit niedrig gehalten wird.

Das stellt Anleger vor die berechtigte Frage: Wenn klassische Utility Assets von Smart-Contract-Plattformen mit dereinst unzähligen dezentralisierten Applikationen (dApps) einem Investor nicht den erhofften Wertzuwachs generieren werden, welche anderen Kryptoassets dann? Gibt es überhaupt welche, die sich langfristig als wirklich gute Investition mit Überperformance entpuppen könnten?

Ein Kryptoasset, das danach strebt, Geld zu sein, könnte diese Erwartung tatsächlich erfüllen. Diese Antwort mag vorerst einmal ein wenig verwundern. Was eine Monetarisierung durchläuft und somit zu Geld wird, muss doch offensichtlich wertvoll sein. Immerhin soll jemand einmal gesagt haben, dass Geld jene Blase sei, die niemals platzen würde. Allerdings ist die Antwort nicht so eindeutig, wie man meinen könnte. Denn Geld ist eben nicht gleich Geld. Zum Zweck einer korrekten Analyse müssen im Zusammenhang mit Geld zwei Hauptfunktionen unterschieden werden: Die Zahlungsfunktion sowie die Wertaufbewahrungsfunktion.

Wenn man von Geld spricht, haben Menschen gewöhnlich die erste der beiden Funktionen vor Augen. Geld ist, was man zum Bezahlen von Gütern und Dienstleistungen verwenden kann. Womit man im Lebensmittelladen regelmässig bezahlt, wird als das allgemein anerkannte Zahlungsmittel oder eben als Geld bezeichnet. Das Bezahlen von Dingen ist in der Tat eine sehr wichtige Eigenschaft, wenn es um die Funktionalität von Geld geht. So sehr, dass Menschen, die in der westlichen Welt leben, von dieser Funktion täglich Gebrauch machen. Geht es um Geld, muss man sich als Anleger jedoch auf das kaum Sichtbare und weniger Intuitive konzentrieren: dessen Funktionalität der Wertaufbewahrung.

Diese Funktion des Geldes wird gemeinhin wenig beachtet oder auch völlig ausgeklammert. In der Regel gilt sie der Zahlungsfunktion als untergeordnet. Um jedoch eine Einschätzung dieser beiden Funktion zu erhalten, wenden wir uns den Gedanken eines der grössten Geld-Ökonomen des 20. Jahrhunderts zu, Ludwig von Mises:

"Der Dienst des Geldes ist nicht auf Transaktionen beschränkt. Es erfüllt seine Aufgabe nicht nur in dem Moment, in dem es von einer Hand in die nächste übergeht. Es erfüllt seine Aufgabe auch dann, wenn es in der Kasse als dem marktgängigsten Gut ruht, in Erwartung ihrer zukünftigen Verwendung im Handel als allgemein gebräuchliches Tauschmittel. Die Geldnachfrage des Einzelnen, wie auch der gesamten Wirtschaft, wird durch den Wunsch bestimmt, einen Kassenbestand zu erhalten, und nicht durch die Summe der Transaktionen, die während einer bestimmten Zeitspanne durchgeführt werden sollen".

Nach von Mises ist die Geldnachfrage der Wunsch nach Kassenhaltung. Eine jede einzelne Person möchte über Geld verfügen und dieser Wunsch kann nur befriedigt werden, wenn Geld die Funktion echter Wertaufbewahrung aufweist. Andere Ökonomen sind da anderer Meinung und halten die Zahlungsfunktion für die Essenz des Geldes. Letztlich scheint es schwierig, die Nachfrage nach Geld schlüssig auf die eine oder die andere Funktion zurückzuführen. Gleichwohl kann nicht geleugnet werden, dass die Funktion der Wertaufbewahrung dem Gelde inhärent sein muss. Dinge, die sich nicht als gutes Wertaufbewahrungsmittel eignen, können kaum als eigentliches Geld betrachtet werden. Viel eher werden diese Sachen als Betriebskapital angesehen, das man solange hält wie man es effektiv braucht, danach aber auch wieder abstösst und eben in eigentliches Geld wechselt. 

Genau das könnte sehr gut auf Utility Assets von Smart-Contract-Plattformen zutreffen. Obwohl solche Plattformen vielerlei Anwendungsfälle bieten könnten, die für Nutzer sehr wohl Wert schaffen, wird ein entsprechendes Utility Asset, das dem Zugang auf diese Dienste dient, nur für jene Zeitspanne gehalten werden, die es der Nutzer braucht, um den Dienst zu nutzen. Weil es sonst aber ungünstig ist, den Token auf längere Frist zu halten, wird man das Exposure diesem Utility Asset gegenüber minimieren wollen und letzteres eben als Betriebskapital behandeln. Solches sehen wir bereits heute bei allen möglichen Arten von Sachgütern wie Öl und anderen Rohstoffen oder Produktionsgütern. Vorräte (das Inventar) werden so gut wie möglich reduziert. Gerade in einer Welt der nahezu perfekten Interoperabilität, an der die Welt der Kryptoassets derzeit fleissig arbeitet, wird Betriebskapital, im Englischen auch Working Capital genannt, möglichst klein gehalten und eben ständig gegen das marktgängigste Gut, also Geld, getauscht.  


Ludwig von Mises (1881-1973) war ein großer österreichischer Wirtschaftswissenschaftler. Seine größten Beiträge berühren die Gebiete der Geldwirtschaft, der Erkenntnistheorie (Theorie des Wissens) und der Praxeologie (Theorie des menschlichen Handelns). 

Offensichtlich ist die Welt der Kryptoassets eine neue Welt. Verhaltensweisen, Abläufe und Prozedere aus der traditionellen Welt müssen in dieser neuen Welt nicht unbedingt genauso gelten. So besteht stets die Möglichkeit, dass die Zukunft des Geldes ganz anders aussehen könnte, als dass wir sie uns derzeit vorstellen. Unsere Gesellschaft ist heute zunehmend atomisiert und fragmentiert, paradoxerweise durch ein global vernetzendes Internet befördert. Dieses bringt digitale Sippengemeinschaften hervor, die sich um eine gemeinsame Ideologie herum formieren und daher aufgrund ständig gepflegter widersprüchlicher Paradigmen miteinander in Fehde liegen. In dieser Welt ist die Vorstellung unterschiedlicher Gelder, die in unterschiedlichen Kontexten und Rahmenbedingungen ihre Berechtigung haben können kein völliger Unsinn.

Gleichwohl: Aus heutiger Sicht auf die Welt und wie diese gegenwärtig funktioniert, ist es ganz natürlich anzunehmen, dass Utility Assets als Betriebskapital behandelt werden, während Geld oder genauer gesagt ein Wertaufbewahrungsmittel zur Wertspeicherung verwendet wird.

Zahlungs- versus Wertaufbewahrungsmittel

Tatsächlich können Kryptoassets beide monetären Funktionen bedienen, das Bezahlen als auch das Aufbewahren von Wert. Angesichts des derzeitigen Skalierungsvermögens kann ein Kryptoasset jedoch entweder für die eine oder die andere Funktion optimal eingesetzt werden (dies könnte sich in Zukunft ändern). Auch in dieser Hinsicht könnte es aus Sicht des Nutzers sinnvoll sein, wenn unterschiedliche Kryptoassets existieren, die jeweils auf die verschiedenen Funktionen zugeschnitten sind. Je grösser die Auswahl für den Nutzer, desto besser. Aus Investorensicht hingegen dürfte sich allerdings bloss dasjenige Kryptoasset als eine gute Investition erweisen, das letztlich zum allgemein akzeptierten Wertaufbewahrungsmittel werden will. In den folgenden Abschnitten soll dargelegt werden, warum dem wahrscheinlich so sein wird. 

Ein Kryptoasset, das die Tauschmittelfunktion priorisiert, hat heute schon etliche Konkurrenten. So gibt es zentralisierte Wettstreiter wie Visa, Apple oder Google Pay sowie Paypal. Zudem könnte es sehr bald auch zentral organisierte Digitalwährungen geben, die entweder von Geschäftsbanken oder sogar von Zentralbanken selbst ausgegeben werden. Da viele dieser Zahlungssysteme gewissermassen eine höhere Ebene innerhalb des Fiat-Stack der traditionellen Finanzwelt darstellen, scheint ein öffentliches Blockchain-Kryptoasset - in heutiger rudimentärer Form vor allem eine Basis-Layer-Infrastruktur - gegenüber ersteren im Wettbewerbsnachteil zu sein. Die Tendenz zu stärkerer Zentralisierung (wie das bei vielen Kryptoassets mit Fokus auf die Zahlungsfunktion der Fall zu sein scheint), ist sicherlich eine Folge davon, dass sich ein auf instantane Transaktionen ausgelegtes Zahlungssystem so einfacher erzielen lässt. Grössere Zentralisierung ist denn auch nicht als Kardinalverstoss zu werten, wenn es um Zahlungen geht (vor allem nicht bei kleineren, alltäglichen Zahlungen). Wesentlicher ist da die Zugänglichkeit. Und hier kann eine öffentliche Blockchain Abhilfe schaffen. Während viele Menschen rund um den Globus keinen Zugang zu den traditionellen Zahlungssystemen haben, kann ein Kryptoasset mit Fokus auf Zahlungsabwicklung Zugang zu Finanztransaktionen verschaffen und das sogar zu weitaus günstigeren Kosten als traditionelle, zentral organisierte Zahlungsnetzwerke.

Für Kryptoassets mit Fokus auf die Zahlungsfunktion besteht also durchaus ein vorhandener Markt. Aber selbst wenn ein solches breitere Akzeptanz finden würde, hätte dessen Token wieder einen schweren Stand, nachhaltigen Wert für Investoren zu generieren. Grössere Marktakzeptanz würde in diesem Fall mit hoher Nutzung einhergehen, was wiederum eine hohe Token-Umlaufgeschwindigkeit und einen niedrig gehaltenen Token-Wert zur Folge hätte. Ein entsprechendes Kryptoasset müsste sich den Zahlungsmarkt zudem höchstwahrscheinlich nicht nur mit zentral organisierten Wettbewerbern aus der traditionellen Finanzwelt, sondern auch mit anderen Blockchain-Zahlungslösungen teilen. Da der Fokus in erster Linie auf einer möglichst schnellen und effizienten Zahlungsabwicklung liegt, ist einem Nutzer jede Zahlungsinfrastruktur recht, die diesen Nutzen einwandfrei stiftet. Und auch hier würde nur jene Menge des Kryptoassets gehalten, die zur Durchführung der Zahlung benötigt wird. Was nicht für Zahlungen benötigt wird, dürfte nicht in einem Kryptoasset mit Zahlungsfunktion, wohl aber in jenem Kryptoasset gehalten werden, das sich als digitales Wertaufbewahrungsmittel abzeichnet oder bereits etabliert hat.

Mächtig unterschätzt: das Horten

Wenden wir uns nun den Argumenten zu, warum eine Wertaufbewahrungsfunktionalität im Hinblick auf eine potenziell lukrative Investition in Kryptoassets von grösster Bedeutung ist. Ein monetäres Wertaufbewahrungsmittel ist dadurch gekennzeichnet, dass es einen Wert hat, der von seinem Nutzen für alltägliche Zwecke und von den Kosten für seine Herstellung und Lagerung entkoppelt ist. Mit anderen Worten: Ein monetäres Wertaufbewahrungsmittel wird für seine Fähigkeit bewertet, als Mittel der Wertaufbewahrung zu dienen, unabhängig davon, welche anderen potentiellen Nutzungsmöglichkeiten es noch erfüllen könnte.

Hier sind wir wieder bei von Mises' Argument angelangt, doch versuchen wir es ein wenig zu verfeinern: Menschen wollen Wert aufbewahren, weil wir als Menschen den inhärenten Wunsch verspüren, in der Gegenwart für eine uns unbekannte Zukunft vorzusorgen. Wertaufbewahrung ist der Versuch, sich von der Ungewissheit des Zukünftigen zu lösen. Es ist eine Strategie, um dem Zahn der Zeit entgegenzuwirken. Der einfachste und natürlichste Weg, dies zu tun, war schon immer das Horten. Im Laufe der Geschichte haben die Menschen viele verschiedene Dinge gehortet. Wann immer eine natürliche Knappheit mit der zu hortenden Sache verbunden war, funktionierte die Wertaufbewahrung in dieser jeweiligen Sache effektiver. 

Über die Jahrtausende schon, ist der Akt des Hortens und Aufbewahrens von Werten stets mit einer erstaunlichen und verblüffenden Dynamik einhergegangen. Durch die Anhäufung von privaten Horten konnten scheinbar unscheinbare Personen plötzlich alle anderen überflügen, eben weil sie im Stillen Horte und damit Wert angehäuft hatten. Wurde dieser gespeicherte Wert auf einmal freigesetzt, konnten sich - insbesondere in kleineren Sippengemeinschaften - die Verhältnisse radikal verändern. Wegen dieser eher unheimlichen, erschütternden und beunruhigenden Dynamik, die sich aufgrund des Hortens immer wieder entlud, scheint das Gros der Menschen bis zum heutigen Tag dagegen aufzubegehren und das Horten zu verurteilen. Der Kampf gegen das Horten scheint die Politik und die Ideengeschichte seit jeher zu durchziehen. Vieles von dem, was im Laufe der Geschichte als unterschiedliche Währungsreformen angesehen wird, fällt in den Bereich von Anti-Hortungsbemühungen. Auch die quantitative Lockerung der Zentralbanken sowie die in der Wirklichkeit anzutreffenden negativen Zinssätze sind weitere, aktuelle Erscheinungsformen dieses Kampfes gegen das Horten. 

Ein vom Staat unabhängiges Wertaufbewahrungsmittel

Um dem Kampf gegen das Horten zu entkommen, suchen die Menschen seit jeher in verschiedenen Dingen Zuflucht. Unbestrittenes, nicht-staatliches, globales Wertaufbewahrungsmittel ist seit Jahrtausenden Gold. Mehrere Millionen Menschen dürften das Edelmetall als ein vom Finanzsystem unabhängiger Wertspeicher halten. Wie gross aber ist der Markt für Gold heute? Da Gold praktisch unzerstörbar ist, muss alles Gold, das jemals gefördert worden ist, heute in irgendeiner Form noch immer unter uns sein. Schätzungen gehen von insgesamt rund 190.000 Tonnen aus. Das entspricht etwa 6,1 Milliarden Unzen. Beim heutigen Dollarpreis (etwas über $1.550 pro Unze, Stand 18. Januar 2020) sind das etwa $9,45 Billionen.

Zwecks dieser Analyse sind wir allerdings an jenem Goldanteil interessiert, der für den heutigen Finanzmarkt von Relevanz ist. Gemeint sind private Investitionen und offizielle Goldreserven. Schmuck, der in vielen Kulturen auch als Wertspeicher dient, aber oft mehr als das ist, muss ausser Acht gelassen werden. Dieser Anteil macht etwa 50 Prozent des gesamten Goldbestandes aus und muss daher für unsere Zwecke abgezogen werden. Gleichzeitig muss auch die Menge an Gold, die in verschiedenen Industrien für technologische Anwendungen verwendet wird, herausgerechnet werden. In der Summe bleibt eine Goldmarktkapitalisierung von etwa 2,5-3,0 Billionen Dollar. Das ist eine riesige Zahl, die die Grösse aller europäischen Märkte für Staatsschulden übersteigt.


Eine Aufschlüsselung des Goldes in seine Hauptbestandteile (subjektiv bewertete Anwendungsfälle)

Ein Kryptoasset, das sich als neues Wertaufbewahrungsmittel herauskristallisiert, könnte dem Gold möglicherweise diese 2,5-3,0 Billionen Dollar streitig machen. Im Vergleich zu Gold ist ein Kryptoasset viel einfacher zu übertragen, bietet eine bessere Teilbarkeit und auch die sich Umlauf befindende Menge ist ohne weiteres zu überprüfen. Da ein Kryptoasset im Wesentlichen nur Information darstellt, kann es grundsätzlich sogar im Kopf einer Person aufbewahrt werden. Diese und potentielle andere Vorteile könnten durchaus zur Konsequenz haben, dass Gold einen Teil seiner Marktkapitalisierung an einen digitalen Wettstreiter verliert. 

Internationale Reservewährung

Ein potentieller Rückgang der Marktkapitalisierung von Gold könnte nur die Spitze eines noch viel grösseren Eisbergs sein. Während monetäres Gold bereits eine scheinbar grosse Zahl umfasst, machen die internationalen Währungsreserven eine noch grössere Zahl aus: insgesamt fast 13 Billionen Dollar. Über die grössten internationalen Reserven verfügen Nationen wie China, Japan, die Eurozone, die Schweiz, Indien, Russland und Saudi-Arabien. Die meisten Währungsreserven werden entweder in US-Dollar oder in Euro gehalten. Seit Jahren ist bekannt, dass diese Tatsache insbesondere den Chinesen als auch den Russen missfällt. Statt die Währung geopolitischer Rivalen als Reservewährung zu halten, scheint ein nicht-staatliches, nicht manipulierbares, globales, zensurresistentes Kryptoasset eine weitaus bessere Alternative zu sein. Daher ist es nicht unplausibel, dass ein Kryptoasset zur monetären Wertaufbewahrung auch einen Teil dieses Marktes absorbieren könnte.

Neben den beiden offensichtlichen Märkten für Gold und internationale Währungsreserven könnte ein nicht-staatlicher Wertspeicher noch weitere Vermögenswerte innerhalb der globalen Finanzwelt aufsaugen. So besteht sogar die (theoretische) Möglichkeit, dass der US-Dollar als dominierende Rechnungseinheit für den Welthandel und die Rohstoffpreise verdrängt werden könnte. Noch vor etwa zwei Jahrhunderten war das andere nicht-staatliche Wertaufbewahrungsmittel Gold Grundlage für den internationalen Handel und hat damit eine internationale Arbeitsteilung in einem Ausmass ermöglicht, die wiederum den enormen Wohlstandszuwachs ab dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert möglich gemacht hat.

Eine Technologie fürs Horten

Ein nicht-staatliches Wertaufbewahrungsmittel könnte also in der Tat eine grosse Wertsteigerung erfahren. Das Potenzial ist klar gegeben. Eine auf das Horten zugeschnittene technologische Entdeckung dürfte die Token-Umlaufgeschwindigkeit denn auch unterdrücken, da der Token eben gehortet und nicht ausgegeben würde. Gleichzeitig dürfte ihr Kapital aus vielen anderen Vermögenswerten zufliessen, was ihre Marktkapitalisierung kontinuierlich steigern würde. Während die Vorgänge auf der Makro-Ebene diesbezüglich entscheidend sein dürften, zeigt sich auch auf der Mikroebene - jene des einzelnen Individuums - ein positiver Ausblick. Ein nicht-staatliches Kryptoasset zur Wertaufbewahrung ist nicht nur digital, sondern einfach verifizierbar und kann durch private Zugangsschlüssel von einer einzelnen Person selbst gehalten und sicher verwahrt werden. Auf diese Weise steht den Menschen eine neue, frei zugängliche Technologie zur Verfügung, die für das Horten prädestiniert ist. Als solche ist dieses Mittel und Werkzeug, dem seit jeher laufenden Kampf gegen das Horten zu entkommen. Und es ermöglicht den Aufstieg des souveränen Individuums, das nicht bloss innerhalb des Systems diversifizieren, sondern vereinzelt daraus austreten kann.

Daher ist kaum zu unterschätzen, wie eminent wichtig eine solche neue «Hortungstechnologie» in Form eines nicht-staatlichen Wertaufbewahrungsmittels ist und welche Dynamik diese noch entfallen kann. Private sowie institutionelle Anleger zugleich verfügen über ein geeignetes Instrument, um zu horten. Dieses nicht-staatliche Wertaufbewahrungsmittel könnte somit tatsächlich als monetäres schwarzes Loch fungieren und Kapital aus verschiedenen Quellen aufsagen. Während Aktien wie die FANG-Aktien und Immobilien in so ziemlich allen Grossstädten der Welt heute zu einem nicht vernachlässigbaren Teil für das Parkieren von Liquidität verwendet werden - eine klare nicht beabsichtigte Konsequenz aus dem Kampf gegen das Horten, schliesslich suchen die Menschen nach Alternativen wenn sich konventionelle Währungen im grossen Stil kaum mehr zu halten lohnen, weil sie fortlaufend entwertet werden -, könnten diese Vermögenswerte einen Teil ihres monetären Wertaufbewahrungscharakters an das neue nicht-staatliche, digitale Wertaufbewahrungsmittel verlieren.

Schlussfolgerung 

Diese genannten Punkte deuten an: Ein nicht-staatliches Wertaufbewahrungsmittel auf Blockchain-Basis könnte für einen Investor tatsächlich am lukrativsten sein. Konkret stellt sich allerdings die Frage: Welchem der derzeit existierenden Kryptoassets dürfte die Position am ehesten zufallen? Aufgrund des derzeitigen Wissens- und Informationsstands scheint die für uns wahrscheinlichste Antwort Bitcoin (BTC) zu sein. Von Grund auf ist Bitcoin so konzipiert, dass er theoretisch als Geld, sprich vor allem als optimales Wertaufbewahrungsmittel fungieren soll. Obwohl Bitcoin von vielen als technologischer Durchbruch ansehen wird - und das ist sicherlich nicht falsch - liegt die Essenz dieses Kryptoassets vor allem in seinen monetären Eigenschaften begründet. In der Kryptowelt ist Bitcoin die Reservewährung, wird am häufigsten als Tauschmittel verwendet und hat die überzeugendste Angebotsbeschränkung, was seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel untermauert. Es hat die am weitesten fortgeschrittene dezentrale (bis hin zu einer dysfunktionalen) Governance. Seine Hashing-Power übertrifft die jedes anderen Kryptoassets bei weitem. Bei keinem anderen Kryptoasset sind sich dessen Verfechter auf der Ebene des Sozialvertrags so einig, dass die Hauptfunktion eine monetäre zu sein hat. Bitcoin geniesst zudem die längste Bekanntheit und wurde bis anhin noch nie gehackt. Kein anderes Kryptoasset ist ontologisch besser geeignet,die Funktion eines nicht-staatlichen, globalen Wertaufbewahrungsmittel einzunehmen, da kein anderes Kryptoasset einen solch mysteriösen (wohl fast schon mystischen) Ursprung hat, was ihm eine unbefleckte Entstehungsgeschichte verleiht. Und kein anderes Kryptoasset scheint so unerbittlich auf diesen einen Anwendungsfall als Wertaufbewahrungsmittel fokussiert zu sein, der heute schon Realität ist und die Entwickler im Vergleich zu anderen Krypto-Vorhaben technisch vor die geringsten Herausforderungen stellt.

Für uns ergibt sich daraus: Unser Investmentfokus liegt voll und ganz auf Bitcoin und dessen Ökosystem. Was ist mit anderen Kryptoassets? Eine Investition in eine Smart-Contract-Plattform (wie Ethereum) kann ein Positivsummenspiel sein und einem Investor eine Mehrrendite einbringen. Im Vergleich zu Bitcoin aber, das danach strebt, ein nicht-staatliches, globales, zensurresistenes Wertaufbewahrungsmittel zu sein, wird man sehr wahrscheinlich in der langen Frist schlechter abschneiden. Bei Bitcoin sollte die Token-Umlaufgeschwindigkeit schlichtweg niedrig sein (eine gültige Annahme, da Bitcoin vor allem von "Hodlern" unerbittlich gehalten wird).

Zum heutigen Zeitpunkt nicht ganz auszuschliessen ist, dass eine Ethereum ähnliche Smart-Contract-Funktionalität auf Bitcoin dereinst möglich ist, nur eben auf einer höheren Ebene innerhalb der Technologie-Infrastruktur. Aus dieser Perspektive ist Bitcoin denn auch nicht als blosses Kryptoasset, sondern als völlig neues Finanzsystem zu betrachten. Sollte diese Eventualität tatsächlich einmal Realität werden, gäbe es wohl keinen logischen Grund mehr, warum Smart-Contract-Applikationen aller Art nicht auf dem sichersten, nicht-staatlichen Kryptoasset basieren sollten. Wie dem auch sei: Es ist durchaus möglich, dass neben Bitcoin langfristig auch andere Kryptoassets existieren werden. Insbesondere Smart-Contract-Plattformen könnten sich - zumindest dem Anschein nach - einer grösseren Akzeptanz im Alltag erfreuen. Eine erfolgreiche Nutzung solcher Plattformen durch Nutzer bedeutet jedoch nicht unbedingt ein hoher Wertzuwachs für in den Utility Assets dieser Plattformen investierten Investoren. Für diese zählt am Endes des Tages jedoch die Wertsteigerung des eigenen Portfolios, weshalb Bitcoin derzeit das interessanteste Asset ist. 

Eine letzte Frage bleibt: Was könnte bei all dem schief gehen und zur Entthronung von Bitcoin führen? Die unmittelbarste Bedrohung: Bitcoin besiegt sich selbst. Genauer gesagt: Das Design von Bitcoin könnte zu makellos sein, um in der Realität tatsächlich langfristig zu funktionieren. Was meinen wir damit? 

Bitcoin scheint die perfekte Hortungstechnologie zu sein, und «Hodln» (also Horten von Bitcoin) ist der primäre Verwendungszweck für Bitcoin. Doch könnte in dieser Perfektion des Hortens am Ende der Haken liegen. Wenn die ultimative Nützlichkeit von Bitcoin wirklich nur das Horten ist, könnte absolutes Horten jedes einzelnen Bitcoin die Sicherheit des Netzwerks gefährden. Damit Bitcoin weiterhin existieren kann, muss er auf unbestimmte Zeit von den Minern aufrechterhalten werden. Mit abnehmendem «Block Reward» (disinflationäre Geldmenge) tun dies die Miner solange es sich für sie lohnt. Gebühren aus Netzwerktransaktionen werden hier der entscheidende Faktor sein. 

Dass die Transaktionsgebühren genügend hoch sein werden, ist ein vernünftige Annahme. So könnte das Bitcoin-Netzwerk beispielsweise dem Zweck der digitalen Zeitstempelung dienen und so über ein ausreichend hohes Transaktionsvolumen verfügen. Doch ist es auch möglich, dass ein Netzwerk, dass die «Hoarder» gegenüber den «Spendern» unverhältnismässig bevorzugt (ein «Hoarder», der ein Jahr lang Bitcoin hortet, tut nichts, um die Netzwerksicherheit aufrechtzuerhalten, sondern hortet gewissermassen auf Kosten der «Spender»), auf lange Sicht einfach nicht nachhaltig sein wird. Gut möglich, dass die Realität am Ende des Tages eben doch nicht so einfach ist, wie man sie sich gerne wünschen würde. Vielleicht verlangt sie eine permanente leichte Inflation, damit Geld in dieser Welt langfristig Bestand haben kann. Wir wissen es (noch) nicht. Als Investoren können wir ein solches Szenario nicht kategorisch ausschliessen, weshalb wir wachsam bleiben müssen. Letztlich wollen wir uns nicht von Ideologie (ein hehres und doch hohes Ziel), sondern von der unvoreingenommenen Suche nach der Wahrheit und Erkenntnis leiten lassen - das sind wir unseren Kunden und Investoren schuldig.


Forschungskontakt
Schlossberg&Co
research@schlossbergco.com
+41 44 586 30 60

Neueste Forschung

Unser Finanzsystem wirklich verstehen: Schattenbanken

28. Mai 2020

Unser Finanzsystem wirklich verstehen: Die gängige Sicht

28. April 2020

Unser Finanzsystem wirklich verstehen: ein System?

16. April 2020

Unser Finanzsystem wirklich verstehen

15. April 2020

Unser Ansatz in beispiellosen Zeiten

19. März 2020

Die Zukunft des Geldes: Wertloses Geld versus reale Werte

9. März 2020

Die Zukunft des Geldes: Verschiedene Arten von Basisgeldern

3. März 2020

Die Zukunft des Geldes: Privater Geldwettbewerb

28. Februar 2020

Die Zukunft des Geldes: Ein Entwertungskampf der nationalen Währungen

25. Februar 2020

Ausgeklügelte Investmentstrategie mit Bitcoin-Bias: Teil 1 von 2

5. Januar 2020

Bitcoin: Metastase einer Meta-Idee

11. Dezember 2019

Schuldenzyklen. Digitale Assets.

10. Juli 2019

Konflikt der Protokolle - Krieg des digitalen Zeitalters

5. April 2019

Skalierbarkeit, Zentralisierung und andere Herausforderungen der Bitcoin Blockchain

11. April 2018

Die Blockchain ist veraltet - was kommt danach?

11. Februar 2018

Krypto: Tulip Mania 2.0 oder mehr?

1. November 2017
Das Neueste in der Finanz-Technologie Forschung. 
Lesen